respektiveban

 

Es ist soweit. Respektive grüsst. Gern geleiten wir Sie durch jenes Wunderland,
wo das Ereignis Theben trifft.


Gehen wir
Mit der Welt, wie Sie wissen, steht es nicht zum Besten. Hinz und Kunz sind sich da einig.
Und: Nicht erst seit seiner offenen Krise ist der globale Kapitalismus nur in den Augen
der Wenigsten eine Organisationsform gesellschaftlicher Produktion, die in eine Zukunft führt,
in der man leben will. Mit der Thematisierung von Missständen allein rennt man meist offene Türen ein. Auch die Ihres Nachbarn. Kaum jemand wird behaupten, dass der Kapitalismus
das Glück aller befördert oder wenigstens in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse
der gesamten Menschheit zu befriedigen. Trotzdem oder irritierenderweise scheint es kaum
ein Bewusstsein für Alternativen zu geben. Demgegenüber ist in der Gegenwart viel von Notwendigkeiten zu hören, insbesondere der ökonomischen, der Sie und ich sich und wir alle zusammen unsere Bedürfnisse zu unterwerfen hätten. Wir wollen etwas anderes.

In Respektive sprechen wir darum von Möglichkeiten: der Möglichkeit anderer Sichtweisen
und Perspektiven, von Arten zu denken, zu produzieren, zu leben. Von der Möglichkeit einer anderen Welt, in der die Menschen über die Produktion entscheiden und nicht die Produktion
über die Menschen bestimmt. Wir wollen den Blick für die Möglichkeiten gegen die Herrschaft
des Faktischen wecken. Die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie erscheint uns dabei
nach wie vor aktuell als Analyse der kapitalistischen Gesellschaft im Horizont ihrer möglichen Aufhebung in eine menschliche Zukunft. Gegen mondänen Relativismus und Partikularismus
halten wir an einem Klassenstandpunkt fest, der sich nur in globalem Massstab denken lässt.
Ob der starke Arm nun den Hammer führt oder das dünne Ärmchen in die Computertastatur greift, in ihrer ökonomischen Funktion und der Gemeinsamkeit ihrer grundlegenden
Interessen bleiben Proletarier_innen eben Proletarier_innen und Ausbeutung eben Ausbeu-
tung. Auch Hightech und Facebook ändern daran nichts. An der Idee des Kommunismus
festzuhalten – wir wagen es – heisst, an der Möglichkeit, ja unbedingten Notwendigkeit einer Überwindung der kapitalistischen Weltordnung festzuhalten. An der Möglichkeit einer Welt
also, in der nicht Egoismus und Profit herrschen und in der nicht die blinde »Notwendigkeit«
der Ökonomie über das Leben bestimmt. In Respektive finden sich allerdings – weil, wir sind ja nicht so – nicht ausschliesslich Artikel mit explizit marxistischer Stossrichtung.

Trotzdem verstehen wir uns als linkes Zeitbuch, in dem Antikommunismus nichts verloren hat,
in keiner Ausprägung: weder bürgerlich-liberaler, »die Kommunist_innen wollen die Freiheit zerstören, die immer nur die des freien Marktes sein kann«, noch reaktionärer, »wir müssen unsere traditionellen Werte vor der roten Pest verteidigen«, oder sozialdemokratischer,
»die Idee hat ja etwas Sympathisches, doch ist sie durch den Sozialstaat überflüssig geworden
und die Geschichte hat gezeigt, dass ihre Verwirklichung nur zu Totalitarismen führen kann«.
Davon wird hier nichts zu lesen sein. Dafür viel anderes. Weil das tut Not.


Raum...
Thematisch ist Respektive ein Zeitbuch, das an den Schnittstellen von Alltag, Kultur und
Politik operiert, Ereignisse, Werke, Menschen, Gedanken vorstellt und kommentiert.
Wir durchdringen diese Felder mit einem kritischen, perspektivisch-parteiischen Denken und zeigen die gesellschaftliche Relevanz und Potentialität auch von nicht unmittelbar politischen Sphären auf. Politik und Kunst, Theorie und Ästhetik etwa, sind also in Respektive nicht
getrennte Bereiche, stehen auch in keiner Hierarchie zueinander. Dem entspricht auch die Gestaltung und das Erscheinungsbild von Respektive. Ebenso wenig machen wir eine
Trennung zwischen elitärer und populärer, zwischen ›ernster‹ und ›Unterhaltungs‹-Kultur. Interessant ist Kunst und Kultur immer da, wo sie Reibungsflächen aufweist, herausfordernd, verstörend, besonders subtil oder besonders ›extrem‹ ist. Das kann im Punkkonzert wie in
der Tonhalle, im Gemälde wie im Alltag, auf einer Demo wie zwischen den Seiten eines
Buches auszumachen sein.

Respektive will hervorstechen mit der Verbindung von philosophischem Denken und ästhe-
tischem Blick unter der Klammer einer kritischen Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart
und stellt durch die dezidiert politische Perspektivierung verschiedene Bereiche der Kultur
in dialogischen Austausch. Das wirkt sich aus auf den Aufbau der Zeitschrift, die nicht durch
Ressorts, sondern entlang von Leitfragen thematisch organisiert ist und Begegnungen mit
Stoff, Zeit und Zündung anvisiert. In Respektive finden sich – wie Sie bereits zu recht vermu-
ten – verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit einem Thema: wissenschaftliche
Texte, Literarisches, Fotografien, Essays etc. Es ist unsere Überzeugung – auch die meine –,
dass alles Wissen nur in einer Praxis und einem Denken aktuell und relevant werden kann,
die sich aus einer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen und Äusserungs-
formen entwickeln und in diese wiederum intervenieren. Jedenfalls wird Wissen in
Respektive nicht doziert, sondern es werden Begegnungen mit historischen und aktuellen Gedanken, Ereignissen, Werken etc, in denen deren Aktualität als Reibung mit der Gegenwart
spürbar wird, ermöglicht. Im Umkreisen von Themen und Problemen sollen weniger fertige Antworten gefunden werden, denn ein ständiges produktives Verunsichern im Selbstver-
ständnis des Bestehenden statthaben, in dem Möglichkeiten aufgehen, Positionen sich bilden
und Perspektiven sich öffnen. Alles klar? Respektive bietet Raum für die Arbeit des Gedan-
kens, für theoretische, ästhetische, argumentative Experimente in der Perspektive einer Überwindung des Bestehenden, d.h. der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in Zeiten,
in denen die Praxis zu einer solchen Überwindung fehlt und nur antizipiert werden kann.


...Schaffen
In der gegenwärtigen globalen Wirtschaftskrise ist viel von fallenden und wieder steigenden
Aktienkursen, von Finanzspekulationen und Bruttosozialprodukten die Rede. Dass es
nun – wenn auch langsam – wieder aufwärts gehen soll, dass die Talsohle durchschritten sei,
kann man den Statistiken in den Wirtschaftsteilen der bürgerlichen Zeitungen entnehmen.
Nur fast beiläufig noch findet Erwähnung, dass die Arbeitslosenzahlen weiter steigen werden.
Für Angestellte und Arbeiter_innen ist die Krise keineswegs ausgestanden, in ihren Auswir-
kungen nicht vollends absehbar. Zumal sie, und du und wir, in den Statistiken, die die Krise definieren, keine Rolle spielen. Nur als Konsument_innen, die Waren kaufen, um so den
Kapitalfluss in Gang zu halten, sind sie dort präsent. Dass es ihre Arbeit ist, die überhaupt erst
reale Werte schafft, geht im gesellschaftlichen Schein des ›arbeitenden Geldes‹ unter. Ahoi.

Nach wie vor ist Arbeit aber die Grundlage unserer Existenz. Wir leben in gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Lohnarbeit die herrschende Form von Arbeit ist. Gerade die Auswir-kungen der Krise auf die Lohnarbeiter_innen müssten also von allgemeinem Interesse
sein. Möchte man meinen. Wie die Arbeiter_innen so ist indes auch die Arbeit als Ausbeu-
tungsverhältnis selbst weitgehend aus den heutigen Diskussionen und sogar aus dem
Bewusstsein verschwunden. In der Selbstwahrnehmung der Arbeiter_innen vielmehr, ist sie
zum Beruf – seine Anforderungen übergegangen in Fleisch und Blut – zur Identität geworden.
Die Bedeutung der Arbeit für die Identitätsbildung indes meint keine reale Versöhnung
der Arbeitenden mit ihrer Tätigkeit, vielmehr zeugt dies von zunehmendem Leistungsdruck,
wo Anforderungen der Arbeit auf alle Lebensbereiche überzugreifen beginnen.
Diese Verschärfung des Drucks auf die Menschen kann umso ungehinderter sich vollziehen,
je weniger es ein Bewusstsein über Arbeit im Kapitalismus und der Arbeiter_innen von
sich als Klasse gibt: Mit dem Verschwinden der Arbeit als Ausbeutungsverhältnis aus der bewussten Wahrnehmung verschwindet das Bewusstsein der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung als Klassenverhältnis. Fehlendes Bewusstsein über sie vermag Ausbeutung selbst
indes nicht mit zum Verschwinden zu bringen – auch wenn manche Diskurstheoretiker_innen
das glauben machen möchten.


Unser Debüt geben wir daher und aus diesen Gründen zum Thema Arbeit. Wir präsentieren
im aktuellen Zeitbuch verschiedene und unterschiedliche Formen der Auseinandersetzung
mit ihr. Sie alle verbindet indes die Perspektive möglicher Überwindung derjenigen
Verhältnisse, in denen die irrationale Logik des Kapitals über die Menschen und ihre Arbeit bestimmt.


Das Respektive-Kollektiv

 

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