Gewalt, Angst und Politik


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Angst und Widerstand
Von Holger Heide, Munkfors


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Obwohl wir die Unerträglichkeit kapitalistischer Verhältnisse tagtäglich erleben, regt sich kaum Widerstand, der dieses System grundsätzlich in Frage stellen würde. Das hat mit der Angst zu tun, die das Leben im Kapitalismus prägt. Woher aber rührt sie und was wäre dagegen zu tun?

Der Umgang mit sogenannten Krisen zeigt immer wieder, was die Konsensmaschinerie in einer parlamentarischen Demokratie zustande bringen kann. Einen Dissens scheint es nur noch darüber zu geben, wie die Massnahmen für die Profitsicherung ausgestaltet werden sollen. Die uns verbliebene Freiheit beschränkt sich offenbar auf die Einsicht in die Notwendigkeit, unser Überleben vom Wohlergehen des Kapitals abhängig zu machen. Wie kann das sein?
Die Menschen zu Opfern des Kapitals zu erklären, ist zu einfach. Das Kapital ›lebt‹ schliesslich nur dadurch, dass die gesellschaftlich handelnden Menschen ihm immer wieder die zu seiner Bewegung nötige Energie verleihen [1]. 
 Darin genau liegt aber auch sein innerer Widerspruch; denn die menschliche Lebendigkeit ist eben zugleich die potenzielle Quelle von Widerstand. Das gilt kategorial wie historisch. Dass das Kapital nur herrscht, wenn die Menschen mitmachen, ist klar, könnte man einwenden. Aber warum machen sie mit? Wieso machen selbst die Untersten in der Hierarchie, die wirklichen Verlierer noch immer irgendwie mit?

Wie erklärt sich angesichts all der gesellschaftlichen Katastrophen das historische Scheitern aller bisherigen Versuche zur Überwindung des Kapitals?

Gibt es in der Ära der Globalisierung nach dem Ende von Sozialismus und Fordismus tatsächlich nur noch eine einzige Gesellschaftsform, in der die Menschheit überleben kann? Falls es aber tatsächlich eine Alternative gibt, wieso sehen die Menschen sie nicht? Mit der Macht der Medien und der Propaganda zu argumentieren erklärt gar nichts, ist tautologisch. Woher haben denn die Medien die Macht, wieso kann die Propaganda auf offenbar fruchtbaren Boden fallen?
Ich will im Folgenden zeigen, dass es Angst ist, die uns an das Kapital bindet. Als strukturell gewordene, weil verdrängte Angst durchdringt sie heute die gesamte Gesellschaft. Diese Angst ist nicht die Wachheit, die Aufmerksamkeit für Gefahr, die der Mensch zum Leben braucht, sondern eine destruktive Angst, die ihn am Leben hindert. Gehorsam, Konkurrenz, Gewalt sind die Auswirkungen. Paradoxerweise ist die Ursache für diese scheinbar unauflösliche Bindung die tödliche Logik des Kapitals selbst.
Die Angst ist keine anthropologische Konstante. Sie ist historische Folge eines kollektiven Traumas, das in Jahrhunderten der gewalttätigen Durchsetzung des Kapitalismus entstanden ist und schliesslich zu einer tiefen Identifikation der Menschen mit dem Kapital und seinem Paradigma der Arbeit geführt hat. Das kollektive Trauma ist dann von Generation zu Generation tradiert und zudem vom System ständig reproduziert und dabei immer weiter verstärkt worden.
Die heutige Arbeitsgesellschaft ist in diesem Sinne eine posttraumatische Gesellschaft, uns selbst als Individuen und die sozialen Bewegungen eingeschlossen. Es kann daher kaum verwundern, dass sich selbst viele Formen des Widerstands noch als Aspekte der verdrängten Angst erweisen. Das reicht bis tief hinein in das Selbstverständnis der sozialen Bewegungen und in deren Diskurse. Um diesen Gedanken zu präzisieren und dabei die Begriffe Angst, Gewalt usw. möglichst ihres ahistorischen und moralisierenden Missbrauchs zu entreissen, will ich mit Blick auf die Gewalt in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft das Konzept des kollektiven Traumas und seine Anwendbarkeit auf kollektive historische Prozesse erörtern und auf Grund der sich aufdrängenden Schlussfolgerungen einige Konsequenzen für Inhalte und Organisationsformen heutiger sozialer Bewegungen zur Diskussion stellen. Dabei will ich an das in der 
Arbeiterbewegung entwickelte zentrale Prinzip der Solidarität anknüpfen – als ein Mittel gegen die Angst. Der traditionsreiche Begriff der Solidarität muss dazu allerdings grundlegend weiterentwickelt und im Lichte der hier vorgetragenen analytischen Überlegungen mit neuen Inhalten gefüllt werden.

Gewalt prägt die Geschichte der Arbeitsgesellschaft.

Kapitalistische Gesellschaft hat sich nirgends durch blosse Gewöhnung herausgebildet. Das gilt besonders für die europäische Moderne. Was distanziertwissenschaftlich mit »Trennung von den Produktionsmitteln« umschrieben wird,  ist ein Prozess, in dem die Herrschaft des Kapitals durch äusseren Zwang und Terror 
gegen die Unterschichten durchgesetzt wurde. Die Bereitschaft zu disziplinierter Arbeit erwies sich als unverzichtbare Grundlage des Gebrauchswerts der Arbeitskraft, und die Schaffung dieser verwertbaren Arbeitskraft wurde zum entscheidenden Charakteristikum der Schaffung des Kapitalismus, d.h. der Arbeitsgesellschaft.
Das, was die aufstrebende kapitalistische Bourgeoisie ›Freiheit‹ nannte, konnte für die arbeitenden Unterklassen allenfalls ›Freiheit von Produktionsmitteln‹ bedeuten. Bauern, kleine Handwerker und Arbeiter versuchten, weiter nach überlieferten Prinzipien zu leben und leisteten zähen passiven und aktiven und dabei immer wieder auch gewaltsamen Widerstand gegen die Zerstörung ihrer lebendigen sozialen Zusammenhänge.
 
Hier liegt der Kern des Klassenantagonismus: Mit dem Bürgertum und den arbeitenden Klassen prallten unvereinbare Welten aufeinander.

Der ersten Periode offenen Terrors und der ›Blutgesetzgebung‹, in der massenhaft Menschen geschlagen, ausgepeitscht, verstümmelt und auf grausamste Weise umgebracht wurden, folgten seit dem 17. und 18. Jahrhundert Perioden eines bewussten Erziehungsprozesses mit pädagogischen Strafen, mit Arbeits- und Industrieschulen, Zuchthäusern und nicht zuletzt psychiatrischen Anstalten. Besonders in England spielten vor und während der Industriellen Revolution viele freireligiöse Vereinigungen, besonders die Methodisten, eine wichtige Rolle mit ihrem Versuch, den Armen Pünktlichkeit und Disziplin näher zu bringen. Das galt übrigens nicht nur für die Fabrikarbeit selbst, sondern darüber hinaus für die damals noch weit verbreitete Heimarbeit und das heisst auch für das häusliche familiäre und das soziale Leben, auch für den Feierabend und auch für den Sonntag. Sie erwarben sich damit das grösste Wohlwollen von Unternehmern wie von Behörden. Es ging um die Ausdehnung des Arbeitstages, um die Überwindung jeglicher Musse, die den religiösen Fundamentalisten als gotteslästerliche Faulheit erschien. Das Kapital brauchte einen neuen Menschen. Selbst systematische Zwangsarbeit schon für kleine Kinder in Bergwerken und Fabriken wurde als erzieherisch wertvoll propagiert, von der körperlichen Züchtigung ganz abgesehen.
Der Klassenkrieg nahm auf Seiten der Arbeiter die verschiedensten Formen an. Arbeiter organisierten sich zunächst in Schutz- und Kampfbünden; zu Anfang ging es neben der solidarischen gegenseitigen Unterstützung in Notfällen wesentlich um den Kampf gegen die Arbeitszeit. Immer wieder kam es auch zu Aufständen gegen Lebensmittelpreise, zur Zerschlagung der Maschinen, die als ›Kriegsmittel‹ gegen die Arbeiter entwickelt und eingesetzt wurden, bis hin zu Entführungen von Unternehmern. Die Kämpfe endeten trotz mancher vorübergehender Siege immer wieder in tiefen Niederlagen. E. P. Thompson bemerkt für die Periode der stärksten Radikalisierung in England, dass ausgerechnet nach den tiefsten Niederlagen die Erweckungsbewegungen immer einen grossen Zulauf aus der Arbeiterklasse hatten. Er spricht da von einem »Chiliasmus der Verzweiflung«.
Als Spätfolge und als Erfolg der Strategie der Gewalt hatte sich spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den meisten Ländern Westeuropas nicht nur eine disziplinierte Arbeiterklasse herausgebildet, sondern weit darüber hinaus eine insgesamt disziplinierte Gesellschaft, die sich auf Lohnarbeit gründete und die deren Notwendigkeit nicht mehr hinterfragte. Spätestens da können wir von einer Arbeitsgesellschaft [2] sprechen. Die moderne Arbeiterklasse hatte gelernt Widerstand zu leisten, sie war gut organisiert und schliesslich genau so diszipliniert, wie ihr Gegner es vorgemacht hatte. Bei aller teils bitteren Armut, bei aller Wut, mit der die Kämpfe auch weiterhin geführt wurden, und bei aller Rhetorik – es waren Verteilungskämpfe geworden. Die Kämpfe richteten sich nicht mehr gegen die Arbeitszeit als solche, sondern wurden um ihre Länge, um die Aufteilung des Arbeitstages geführt. Sie wurden schon auf dem Boden der modernen kapitalistischen Gesellschaft ausgetragen. Waren die ursprünglich unvereinbaren Welten zu einer Welt geworden? Und wie konnte das geschehen?

Kollektives Trauma als Folge der permanenten Gewalt.

Eindrucksvolle historische Studien [3] machen das ungeheuere Ausmass von Gewalt deutlich, das mit der Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft verbunden war. Ebenso gewaltsam ist dann die weitere Geschichte der Ausbreitung des Kapitals über die ganze Welt verlaufen, der Revolutionen, der Weltkriege und der anschliessenden scheinbar begrenzten Kriege in Asien, Afrika und dann wieder in Europa im 20. Jahrhundert und darüber hinaus. Wie es dazu gekommen ist, dass der kollektive unentrinnbare Prozess der Gewalt zu einer Identifikation mit dem doch offenbar tödlichen Paradigma des Kapitals und dessen jeweils passend gemachten sozialen, nationalen oder religiösen Ausprägungen geführt hat, bleibt jedoch unerklärlich, wenn wir auf der bloss historischen Analyseebene bleiben. Bei dem Versuch, die tieferen psychischen Wirkungen der gewaltsamen historischen Prozesse auf die Menschen zu verstehen, können wir die in den letzten Jahrzehnten entwickelte Kategorie des Traumas zu Hilfe nehmen. Wir müssen sie dazu allerdings über ihre ursprünglich individualpsychologische Bedeutung hinaus auf kollektive Prozesse ausweiten.
Als Ausgangspunkt lässt sich festhalten, dass schwere traumatisierende Aggression von den Betroffenen oft nur durch die identifikatorische Annahme der Unterwerfung unter die überwältigende Macht psychisch bewältigt werden kann. Besonders tief wirken physische und psychische Gewalt auf Kinder. Sie sind auf die Zuwendung und Liebe von Bezugspersonen angewiesen und sind als Opfer von Gewalt besonders schutzlos. Wegen der überwältigenden Macht des Angreifers erleben sie die Situation als unmittelbar lebensbedrohlich und entwickeln eine »Identifikation mit dem Aggressor« als Überlebensstrategie [4].
Wenn Erwachsene traumatisiert werden, kann man erst einmal davon ausgehen, dass ihre individuelle Identität normalerweise durch ein eigenes entwickeltes Wertesystem und nicht mehr primär durch die vorbehaltlose Liebe von Seiten bestimmter Bezugspersonen gesichert wird. Die erlittene und erlebte Gewalt und die daraus folgende Erniedrigung können jedoch so überwältigend sein, dass auch der erwachsene Mensch oft nur noch mit einer ›Bewusstseinsveränderung‹ reagieren kann, die die Angst verdrängen hilft.
Was in einer konkreten Einzelsituation oft das schiere Überleben sichern hilft, kann als Strategie gegen fortdauernde Aggression zu einem Verhaltensmuster werden, mit dem sich der betreffende Mensch zum lebenslangen Opfer macht. Die verdrängte Angst verhindert dann nachhaltig wirkliche Lebendigkeit, Alternativen werden systematisch ausgeblendet. Der Kern einer Traumatisierung ist immer Angst davor, dass das Unerträgliche (die Erniedrigung usw.) wieder ins Bewusstsein dringt.  
In modernen Kriegen oder anderen massenhaft wirkenden Ereignissen, aber eben auch bei der Gewalt und dem Elend des Industrialisierungsprozesses tritt an die Stelle des persönlichen und persönlich identifizierbaren Aggressors oder zusätzlich zu ihm eine anonyme überwältigende Macht, deren ›Logik‹ für die Betroffenen überhaupt nicht zu durchschauen ist. Aus Verzweiflung und Haltlosigkeit kann  es zu einer Identifikation mit dem siegreichen System und der Verinnerlichung von dessen Normen kommen. Die ursprünglichen Werte und Normen, das eigene Fühlen, Denken und Handeln, die sich als wertlos erwiesen haben, werden verdrängt.
Das Traumakonzept ist ursprünglich individualpsychologisch entwickelt worden. Trauma kann aber bei massenhafter Gewalteinwirkung in dem Masse zu einer gesellschaftlichen Pathologie führen, wie diese Gewalt als kollektive erlebt wird und wie durch den traumatisierenden Prozess geprägtes Fühlen, Denken und Handeln die gesellschaftlichen Prozesse wesentlich bestimmt [5].

Das Trauma wird von Generation zu Generation tradiert.

Unmittelbar erklärlich ist auf die beschriebene Weise die tiefe Formung einer Gesellschaft nur für die jeweilige Generation, die unmittelbar von einer traumatischen Erfahrung betroffen war. Selbst wenn wir die Wahrscheinlichkeit 
einer lebenslangen Auswirkung der beschriebenen Identifikation annehmen, so würde damit letztlich nur ein zeitlich begrenzter Effekt erklärbar, der mit der ursprünglich betroffenen Generation langsam aussterben müsste.
Eine nachfolgende Generation, die in einer tief traumatisierten Gesellschaft aufwächst, bleibt davon jedoch nicht verschont. Wesentlich ist das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern, besonders in der frühkindlichen Entwicklungsphase. Oft lässt die Angst der Eltern, mit sorgsam verdrängten Gefühlen konfrontiert zu 
werden, nur noch Abwehr zu. Es ist dann 
gerade diese tief sitzende Angst, die weitergegeben wird, wenn die Kinder nicht die notwendige Geborgenheit erfahren und stattdessen mit Anforderungen überfrachtet oder gar physisch misshandelt werden [6]. Zudem sind es im weiteren Verlauf ihres Sozialisationsprozesses nicht nur die Eltern, die das Trauma weitergeben, sondern unzählige einzelne Menschen und Institutionen, die Teil der traumatisierten Gesellschaft sind. In der Kindheit entstandene, verfestigte Angst kann zum bestimmenden Moment eines ganzen Lebens werden. Durch das Mitmachen, das Arbeiten im weitesten Sinne, werden die gesellschaftlichen Verhältnisse und 
damit das gesamte Fühlen, Denken und Handeln der Gesellschaft ständig reproduziert [7] – und damit wesentlich die Traumatisierungen. Zusammenfassend sind die Wirkungen, die von der psychischen Krankheit bzw. dem aus ihr folgenden Verhalten zum Einen auf die zeitgenössische soziale Umwelt (horizontale Wirkungen) und zum Anderen auf die Kinder- und Enkelgenerationen (vertikale Wirkungen)ausgehen, als »kollektive, posttraumatische« beschreibbar [8].

Die Identifikation mit dem siegreichen System ist entscheidend für das Kapital und seine Dynamik.

Die Trennung vom Selbst, von den eigenen Gefühlen, entspricht gesellschaftlich der Trennung (oder Entfremdung) von der eigenen Geschichte, es kommt zu einer kollektiven Verdrängung. Dieses ist nicht nur Folge der Herausbildung des Kapitalismus, sondern eine wesentliche Voraussetzung für sein Funktionieren [9].
Das Kapital wird im allgemeinen viel zu eng als politisch-ökonomische Kategorie aufgefasst. Sobald es auf die beschriebenen Weise verinnerlicht worden ist, ist es nämlich zu einem Ausdruck des resultierenden Fühlens, Denkens und Handelns der Individuen und der modernen Gesellschaft als Ganzes geworden. Der Begriff ›Kapital‹ umfasst dann nicht nur das Fühlen, Denken und Handeln der obersten Agenten des Systems, sondern eben auch das der grossen Mehrheit derer, die ›nur‹ mitmachen. Mit einer solchen Gesellschaft als Basis erklärt sich auch, wie es dem europäischen Kapital im Zeitalter des sogenannten Hochimperialismus gelingen konnte, seine Herrschaft über den grössten Teil der Welt auszudehnen.
Es waren ja keineswegs bloss die psychopathischen Führer, die Kriegsminister, die Oberbefehlshaber, die Generäle und die Unternehmer und Bankiers mit ihren Stäben von Spezialisten, Geographen und Anthropologen und die Missionare, die die bis dahin nichtkapitalistische Welt unterwarfen. Tatsächlich waren Massen von einfachen Soldaten daran beteiligt. Durch ihre Angst hindurch und letztlich als Folge dieser Angst, teilten auch sie die Faszination oder richtiger die Illusion der Allmacht der unbesiegbaren Institution, sie teilten das Gefühl der ›Grandeur‹, der Überlegenheit, der Mission des Abendlands, auch sie sahen die Eingeborenen als Untermenschen. Und dann war da die Aussicht auf einen Anteil an der Beute. 
Was als die ›Mission‹ der europäischen Zivilisation erscheinen mochte, war somit die Weiterführung der in Europa schon erfolgten Durchsetzung des Kapitalismus, die Verbreitung des Traumas mit der Folge langfristiger Identifikation. Auch an dem millionenfach organisierten Ausbruch der Gewalt im 20. Jahrhundert, durch den die Traumatisierung und die posttraumatische Angst immer wieder erneuert wurden, waren Millionen von Menschen – nicht nur als Opfer – beteiligt.
Und selbst damit nicht genug. Zu all dem kommt, was man als ›Politik der Angst‹ bezeichnen kann. Sie setzt an der verdrängten Angst an. Durch reale und verbale Aufrüstung im ›Krieg gegen Drogen‹, ›Krieg gegen den Terror‹ und so weiter wird unmittelbar eine Ideologie der Bedrohung durch Drogen, durch Gewalt produziert. Dadurch werden Gehorsam und eine weitere Identifikation gefördert, die Macht des Bestehenden gefestigt und schon der blosse Gedanke an Alternativen ausgeblendet. Stattdessen entwickeln die Menschen Hass, weil er ein so starkes Gefühl ist, dass er das unerträgliche Gefühl der Angst überlagern kann. Der Hass richtet sich typischer weise gegen diejenigen, die vermeintlich für die Bedrohungen stehen, dazu gegen Minoritäten, gegen Schwächere, letztlich gegen diejenigen, die tatsächlich oder vermeintlich nicht von wirtschaftlichem Nutzen sind. Besonders Letzteres ist ein deutliches Indiz für den Grad der Identifikation mit dem kapitalistischen System. Die in diesem Zusammenhang gewachsene, verbreitete Bereitschaft zur Gewalt ist genau so eine Spätfolge von Jahrhunderten der Traumatisierung wie die scheinbare Normalität der Anpassung an die Fabrikarbeit und die anderen 
Zumutungen der Arbeitsgesellschaft.
Die alltägliche Gewalt der Leistungsgesellschaft mit ihrer bis in die Tiefe unserer Psyche reichenden Ideologie der Konkurrenz ist nicht nur Quelle immer neuer Angst, sondern gleichzeitig ihr Produkt. Dazu gehört auch die allgegenwärtige Beschleunigung als verzweifelter Versuch, die Produktivität zu steigern.

Revolutionen, Reformen, Alternativen.

Versuche, den schlimmsten Auswirkungen des Kapitalismus zu entkommen, hat es vielfach gegeben. Der aus der russischen Revolution hervorgegangene Sozialismus kann als Versuch gesehen werden, eine Alternative zum Kapitalismus zu verwirklichen, ohne die Arbeitsgesellschaft mit ihrem »vampyrmässigen« Grundprinzip aufzugeben. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass die Aufholjagd in der Konsequenz zu einer Fortsetzung der massenhaften Traumatisierung geführt und sich schliesslich als nachholende Modernisierung erwiesen hat. Ähnliches lässt sich über nachfolgende revolutionäre  Bewegungen sagen, deren Siege zu Formen von Staatssozialismus geführt haben. In den kapitalistisch hochentwickelten Ländern, in denen sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der Fordismus als Prototyp entwickelte, wurden in der reformistischen Variante des Sozialismus die Gewerkschaften zu blossen Interessenorganisationen für ihre Mitglieder. Sie versuchen mittlerweile, angebliche ›Errungenschaften‹ zu verteidigen. Sie spielen, wie alte und neue sozialdemokratische Parteien, auf diese Weise eine wesentliche Rolle für das Funktionieren des Systems.

Die Rolle von Angst, Ungerechtigkeit und Wut im Widerstand.

Im Zuge der Durchsetzung der Moderne haben die Menschen gelernt, ihre Angst vor sich selbst zu verstecken. Das gilt auch für die Kritiker der Gesellschaft, die Aktiven in sozialen Bewegungen. Sie verstecken ihre Angst oft hinter einer Fassade von Rationalität und Organisation. Wenn ihre Gefühle sie jedoch dennoch zu überwältigen drohen, dann können sie ihre Angst auch hinter Wut verstecken. Und Wut lässt sich leicht erzeugen, wenn man sich die ja ganz offensichtliche Menschenverachtung dieser Gesellschaft in der bereit liegenden moralischen Kategorie der ›Ungerechtigkeit‹ vor Augen führt. Auf diese Weise kann man so weiterhin vermeiden, sich seine Angst anzugucken. Genau dies ist der Kern der Schwäche der Bewegung.
Dieses Verhältnis von Angst, Rationalität, Organisation und Wut verbirgt sich oft auch hinter der Debatte über zu viel oder zu wenig Militanz und über die Legitimität von Gewalt. Die Erfahrung lehrt, dass Widerstand oft erst dann real wird, wenn und solange die Wut der Beteiligten grösser ist als ihre Angst. Je grösser also die Angst, desto gewaltiger muss die Wut sein, damit sie den Kampf aufnehmen. Was das für alle Zukunftsplanungen, für die Kämpfe und für die immer neuen Organisationsversuche bedeutet, ist unüberschätzbar. Die nicht reflektierte Angst hält die tiefsitzende Pathologie aufrecht und die Urteilskraft ist so beeinträchtigt, dass die Menschen keine wirklich 
System überwindende Praxis werden entwickeln können. Was als ›Siege‹ erscheint, kann dann dazu beitragen, das Trauma zu verewigen, und ›Niederlagen‹ werden die Menschen durch Frustration und Depression zu weiterer Anpassung führen. Auf diese Weise würde sich durch ›Siege‹ wie durch ›Niederlagen‹ gleichermassen die Bindung ans Kapital festigen.

Die Rolle der Opferhaltung und der Moralisierung.

Indem die Menschen lernen, ihre ›Interessen‹ zu vertreten (als Arbeiter_innen, als Arbeitslose, als Rentenempfänger, als Alleinerziehende, als Migrant_innen) nehmen sie eine Opferhaltung ein. Das Mitwirken an einem System der Zerstörung ist bewusst nicht zu ertragen. Daher konstruieren sie die Täter-Opfer-Beziehung, projizieren die Täterrolle auf etwas ihnen Äusserliches. Ihnen bleibt dann die bequeme Opferrolle. Diese ist deshalb so bequem, weil die ›Opfer‹ auf diese Weise scheinbar nichts falsch machen können, da ja die Schuld (und es geht dann in der Tat um eine Frage von Schuld, eben nicht darum, Verantwortung zu übernehmen) für Alles von vornherein woanders verortet ist. Das ist der Schritt, durch den sie selbst zu potenziellen Tätern werden. Eine moralische Rechtfertigung für beliebige Taten ergibt sich durch schlichte Aufrechnung: Uns ist so viel und so Ungeheuerliches angetan worden, dass unser eigenes Tun dagegen gar nicht ins Gewicht fallen kann [10]. Nicht zufällig entspricht diese Aufrechnung dem Äquivalenzprinzip der kapitalistischen Marktideologie und deren Begriff von Gerechtigkeit.
Das ist eine entscheidende Erkenntnis bei der Frage nach dem Ausweg: Nicht nur der Weg immer neuer Gewalt ist nicht gangbar, selbst die Frage einer Lösung nach dem Gerechtigkeitsprinzip ist schon falsch. Solidarität stellt sich als etwas ganz Anderes heraus als Gerechtigkeit.

Solidarität ist die konstruktive Auseinandersetzung mit der kollektiven Angst.

Im historischen Prozess hat sich der Begriff der Solidarität, der noch aus den alten korporatistischen Zusammenhängen stammte, grundlegend gewandelt. Hatte die alte Bedeutung noch schlicht »Stärke durch innere Einigkeit« (lat. solidus, fest, stark) ausgedrückt, die durch eine streng auf die Mitglieder beschränkte Gegenseitigkeit und gleichzeitig Abgrenzung gegen ›aussen‹ charakterisiert war, so wurde sie in der Moderne erweitert: Im christlichen und philanthropischen Sinn konnte Solidarität fast zum Synonym für Barmherzigkeit (bzw. Selbstlosigkeit) werden. Die Arbeiterbewegung machte den Begriff  zu einem Klassenbegriff und weitete ihn schliesslich auf die umfassende Zusammengehörigkeit aller Erniedrigten aus. Das frühere ›Aussen‹ bezog sich dann eigentlich nur auf die Unterdrücker, konnte allerdings bei Bedarf auch auf alle diejenigen ausgeweitet werden, die auf Grund ihrer jeweiligen Klassenzugehörigkeit als ›konservativ‹ und ›fortschrittsfeindlich‹ eingeschätzt wurden. Letzteres bedeutet bereits eine Kopplung an einen strukturalistisch aufgefassten Interessenbegriff, wie er zu den Interessen vertretenden bürokratischen Grossorganisationen im Fordismus (und im Realsozialismus) passt.
Klasse ist ein Begriff ganz innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. An diesen Begriff gekoppelt ist der Begriff des Interesses. Das Interesse weist nicht über die kapitalistische Gesellschaft hinaus. Es gibt kein Interesse an der Aufhebung der Klassen. Aufhebung der Klassen, das von Marx formulierte Ziel, bedeutet die Anerkennung des Menschen als individuelles und gleichermassen gesellschaftliches Wesen. Im Gegensatz zu einem Interesse drückt dieses Ziel ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen 
aus – aller Menschen. Der Begriff Klassensolidarität bleibt notwendig noch innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft.
Heute muss der Begriff der Solidarität daher einen entscheidenden Schritt weiter entwickelt werden. Solange sich die Menschen auf die Wahrnehmung ihres Interesses glaubten beschränken zu können, haben sie auf den Kontakt zu ihren Gefühlen verzichtet, konnten sie ihre wirklichen Bedürfnisse nicht spüren. Dies lässt sich nicht fortsetzen. Der Kontakt zu den Gefühlen und damit zu den Bedürfnissen ist lebensnotwendig. Um die eigenen Bedürfnisse kennen zu lernen, ist eine Offenheit erforderlich, die erlaubt, sich mit der tief verdrängten Angst auseinanderzusetzen. Dies ist ein Lernprozess, in dessen Verlauf sich die realen Gründe für Angst real verringern.

Die neuen sozialen Bewegungen, die die posttraumatische Arbeitsgesellschaft überwinden wollen, müssen ihre eigene ›Genesung‹ zu einem integralen Bestandteil ihrer Aktivitäten machen.

Was für eine solidarische Gesellschaft gefordert wird, muss in den sozialen Bewegungen selbst vorgelebt werden [11]. Dazu braucht es eine neue Art von nichthierarchischer, nichtbürokratischer, kooperativer Organisation, die Offenheit ermöglicht und die zugleich selbst ständig sich erneuerndes Produkt dieser Offenheit ist. Die Offenheit müsste sich dann in den Programmen ausdrücken, in den internen und öffentlichen Debatten, in der Ausformung der Organisation selbst und eben konstitutiv im Umgang miteinander. Systemtranszendenz bemisst sich nicht mehr an der ›richtigen Linie‹ einer Organisation, sondern an der Offenheit ihres lebendigen sozialen Prozesses.
Bedürfnisse, Gefühle können grundsätzlich nicht ›diskutiert‹ werden, und sie können nicht Gegenstand von Mehrheitsentscheidungen sein. Stattdessen könnte sich die Form des ›Dialogs‹ [12] eignen, um sich ihnen anzunähern. Um Solidarität wachsen zu lassen, müssen im Dialog gegenseitige Beschuldigungen, Unterstellungen, Angriffe, Unterbrechungen, und auch blosse Wahrheitsbehauptungen, Rechthaberei usw. untereinander vermieden werden. Diese sind meist Ausdruck von Schuld- oder Opfergefühlen, basieren noch auf der verdrängten Angst und provozieren ihrerseits Abwehrreaktionen. Diese Form der Solidarität macht es möglich, die Mechanismen aufzudecken, die immer wieder Angst schüren, indem sie spalten. Durch ihre Offenheit und den Respekt allen Beteiligten gegenüber, wirkt sie gegen Ausgrenzung und hilft den Beteiligten, weniger anfällig zu werden für die allgemeinen Zumutungen und Erpressungen des funktionierenden Systems der Arbeitsgesellschaft und damit freier zu werden im eigenen Handeln. Eine 
solche solidarische Bewegung könnte dazu beitragen, das Denken in Kategorien von Macht, Kampfkraft, Errungenschaften usw. abzulegen und schliesslich Arbeit als Mittel zur Transformation menschlicher Lebendigkeit in totes 
Kapital zu überwinden.

 

Autor

Holger Heide (*1939, lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Schweden) ist Professor i.R., Universität Bremen, Leiter des Social Economic Action Research Institute (SEARI). Er hat sich den grössten Teil seines Lebens bemüht, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in lebendigen sozialen Bewegungen für die Überwindung des Kapitalismus zu wirken, und dabei auch gelernt, sich selbst zu verändern. Seine Interessenschwerpunkte sind: Arbeitssucht, Geschichte der Arbeitsgesellschaft, Arbeitsgesellschaft Ostasiens (insbesondere Südkorea). Zahlreiche Veröffentlichungen auf diesen Feldern. Email-Adresse: holger.heide@home.se, Website des SEARI: www.wiwi.uni-bremen.de/seari

Literaturliste

Adorno, Theodor W. (2003[1951]): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Stw. Frankfurt am Main.
Dressen, Wolfgang (1982): Die pädagogische Maschine. Zur Geschichte des industrialisierten Bewusstseins in Preussen/Deutschland. Frankfurt am Main usw.
Ferenczi, Sándor (1998[1933]): Sprachverwirrung zwischen dem 
Erwachsenen und dem Kind.  Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft. In: Derselbe: Schriften zur Psychoanalyse. Bd II. Frankfurt am Main
Heide, Holger (2007a): Angst und Kapital. Warum Widerstand im Postfordismus so schwierig ist. In: Bologna, Sergio et alt (Hrsg.): Selbstorganisation. Transformationsprozesse von Arbeit und sozialem 
Widerstand im neoliberalen Kapitalismus. Berlin. http://www.labournet.de/diskussion/gewerkschaft/debatte/selbstorga_hh.pdf
Heide, Holger (2007b): Selbsthilfe als Widerstand. Gedanken über 
einen neuen Umgang mit geschichtlichen Erfahrungen. In: Bologna, Sergio et alt (Hrsg.): Selbstorganisation. Transformationsprozesse von Arbeit und sozialem Widerstand im neoliberalen Kapitalismus. Berlin.
Heide, Holger (2003): Arbeitsgesellschaft und Arbeitssucht. Die 
Abschaffung der Musse und ihre Wiederaneignung. In: Derselbe (Hsg.): Massenphänomen Arbeitssucht. Historische Hintergründe 
und aktuelle Entwicklung einer neuen Volkskrankheit. Bremen.
http://www.wiwi.uni-bremen.de/seari/Holger%20Heide%20Arbeitsgesellschaft%20und%20Arbeitssucht.pdf  
Kühner, Angela (2002): Kollektive Traumata. Eine Bestandsaufnahme. Annahmen, Argumente, Konzepte nach dem 11. September. Berghof Report. Nr. 9. Berlin.
Marx, Karl (1939[1858]): Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie. Rohentwurf. Frankfurt am Main und Wien.
Marx, Karl (1973[1867]): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. Berlin.
Schmidbauer, Wolfgang (1998): ‚Ich wusste nie, was mit Vater ist‘. Das Trauma des Krieges. Reinbek.
SOLIKOR (2000): Dialog aus Solidarität – Solidarität durch Dialog. Berlin. Siehe auch: http://www.labournet.de/branchen/dienstleistung/werft-d.html
Thompson, Edward P. (1980): Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus. Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main.
Thompson, Edward P. (1987): Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Frankfurt am Main.
Wardi, Dina (1997): Siegel der Erinnerung. Das Trauma des Holocaust. Psychotherapie mit Kindern von Überlebenden. Stuttgart.

Fussnoten

1  »Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampyrmässig belebt durch die Einsaugung lebendiger Arbeit  und die umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.« Das ist Marx’ Charakterisierung im ersten Band des Kapital von 1867 (Marx 1987:247).
2  Schon im Jahre 1848 war in der europäischen Arbeiterbewegung erstmals der Slogan vom »Recht auf Arbeit« aufgetaucht.
3  Ich stütze mich bei meiner Skizze vor allem auf Thompson 
(für England) und Dressen (für Deutschland).
4  Zu diesem Thema hat ursprünglich Sándor Ferenczi bahnbrechende Forschungsergebnisse vorgelegt (Ferenczi 1933).
5  Eine geschlossene Theorie des »kollektiven Traumas« gibt es 
bisher nicht, nur unterschiedliche Annäherungen. Für eine ausführliche konstruktive Auseinandersetzung siehe die Studie von Angela Kühner (Kühner 2002).
6  Wie prägend die tiefe Traumatisierung einer Generation für das Leben der nachfolgenden Generationen sein kann, hat Dina 
Wardi eindrucksvoll aus der Aufarbeitung der persönlichen 
Geschichten von Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen gezeigt (Wardi 1997:63).
7  »Herrschaft erbt sich fort durch die Beherrschten hindurch« 
(Adorno 2003:208).
8  Wie aus der Beschreibung des gesellschaftlichen historischen Prozesses hervorgeht, bedeutet der Begriff »posttraumatisch« nicht etwa, dass es sich um etwas in der Vergangenheit Abgeschlossenes handelt.
9  Ist der Glaube an eine Alternative grundlegend zerstört, so entwickeln die Individuen nach Marx ein Interesse an der Beteiligung an der kapitalistischen Gesellschaft in dem Masse, wie ihnen das Sich-Einlassen auf die Konkurrenz als Voraussetzung ihres Überlebens erscheint. D. h., sie entwickeln ein »Privatinteresse«, das »nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und den von ihr gegebenen Mitteln erreicht werden kann; also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist« (Marx 1939:74).
10  An diese Stelle passt ein Hinweis zum Terrorismus: Als Verzweiflungsreaktion auf die schreienden Ungerechtigkeiten des Weltsystems macht er sich an sozialen, nationalistischen, ethnischen und religiösen Ideologien fest. Die Ideologien stellen jedoch nur eine Form der Rationalisierung für einen tiefen Rachedurst dar. Auch dieser zum Scheitern verurteilte Versuch, den Folgen des Traumas zu entkommen, bewirkt nur immer ein neues Trauma. Bei der Kritik des Terrorismus sollten wir uns nicht auf die moralische Seite beschränken; terroristische Gewalt muss vielmehr als Teil der destruktiven Dynamik des funktionierenden Systems, der »Selbstreproduktion« des Kapitals kritisiert werden.
11  Wenn wir die Ausgangslage unter dem Blickwinkel des kollektiven Traumas als gesellschaftliche Pathologie verstehen, dann kann der Prozess der Vergangenheitsbewältigung als »Genesungsprozess« begriffen werden.
12  Im Jahre 2000 fand in Kiel ein von einer Solidaritätsgruppe arrangiertes Treffen zwischen einigen organisierten Werftarbeitern aus Südkorea und aus Deutschland statt, bei dem der damals zugespitzte Konflikt zwischen der koreanischen und der europäischen Werftindustrie solidarisch im »Dialog« behandelt wurde. Die offiziellen Gewerkschaftsorganisationen hatten sich wie 
üblich hinter ihr jeweiliges nationales Kapital und die Regierungen gestellt. Näheres zu diesem praktischen Versuch in 
SOLIKOR (2000) und Heide (2007b).

 

 

 

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