Mapping Kommunismus


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Sozialisierung als Kommunalisierung – Commons als konkrete Utopie des Communismus?
Von Alexander Neupert, Osnabrück und Jörg Gakenholz, Münster


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Wie könnte ein revolutionärer Kommunalismus aussehen? Welches könnten die Wege zu einem solchen hin sein – und wo die möglichen Fallen? Eine Auseinandersetzung mit aktuellen und historischen Ideen und Debatten rund um »Commons« . 

1. Utopie

 Wieso über Commons, Kommunalisierung, Kommunismus, gar Utopie, nachdenken und schreiben? Wo doch Marx, ohne den selbiges nicht möglich ist, es selbst kaum getan hat, heißt sein Hauptwerk ja mit gutem Grund »Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie« und nicht »Der Kommunismus«. Letzterer sei Negation der Negation oder wie Karl Korsch sagt: Ein Programm der Abschaffungen. Grundsätzlich ist, was beide, Kapital und Kommune, verbindet: Die Menschen, so die Annahme, könnten den »Communismus« (Marx) machen, weil sie es auch sind, die den Kapitalismus machen. Der Haken: »Sie wissen das nicht, aber sie tun es« (MEW23: 88). Wie also vom Vollzug eines bewusstlosen Verhältnisses zum Vorzug bewussten Verhaltens kommen? Wir haben es laut Marx mit zwei Aufgaben zu tun, die eine sind, denn die fetischistischen Formen der kapitalistischen Ökonomie, »aller Mystizismus der Warenwelt, all der Zauber und Spuk, welcher Arbeitsprodukte auf Grundlage der Warenproduktion umnebelt, verschwindet (…) sofort, sobald wir zu anderen Produktionsformen flüchten« (MEW23: 81). Wie muss man sich eine solche Flucht vorstellen? Marx spricht nicht nur von einer Flucht vor der Warenproduktion, sondern von einer zu anderen Produktionsformen, und zwar nicht als individueller Rückzug, sondern als wirkliche Bewegung, wobei die Aufklärung des Nebels mit der Aufgabe des Umnebelten in eins fällt. Bleibt bloß: Wohin?

Zu Commons und Commonism?

Bei aller wissenschaftlichen Abneigung gegen Utopie steckt im Bezug auf andere Produktionsformen ein utopisches Moment des Anderen. Zu lenken sind die Schritte einer Flucht einerseits so, dass man von dem zu Fliehenden fortkommt. Genau so fasste auch Adorno, in Anlehnung an Marx, die Zielbestimmung wirklicher Bewegung.

»Die Utopie steckt jedenfalls wesentlich in der bestimmten Negation dessen, was bloß ist, und das dadurch, daß es sich als ein Falsches konkretisiert, immer zugleich hinweist auf das, was sein soll« (Adorno 1975: 70).

Also: Weder bewusstlose Arbeitsteilung, Gleichgültigkeit von Waren qua Wert, noch Geld und Kapital, kein Bedarf an formaler Rechts- und Stimmengleichheit im politischen Staat, überhaupt republikanisches »Fehlen eines jeglichen Staatsfetischismus« (Adorno 2003: 291), kurz gesagt: die Klassen- und Staatenlose Assoziation, die Communismus geheißen wird. Adornos Kritische Theorie des falschen Ganzen, aus dem zu Fliehen wäre, enthält primär negative Utopie. Von dieser zu unterscheiden, selbst als Ergänzung, ist der Fluchtpunkt der konkreten Utopie oder, wie Adorno im Gespräch mit Bloch sagt, »daß man konkret sagen würde, was bei dem gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte der Menschheit möglich wäre« (Adorno 1975: 71).

Kann die Debatte um Commons als eine solche um konkrete Utopie verstanden werden? Auffällig ist ihre Abgrenzung zu Konzepten der Ent- bzw. Aneignung von Produktionsmitteln, die im Marxismus Sozialisierung genannt wurde. Gegen die Notwendigkeit eines revolutionären Bruchs mit Kapital und Staat werden häufig marktkonforme Entwicklungen in den Mittelpunkt gestellt. In diesem Artikel soll daher versucht werden, nach einer Skizzierung von Grundproblemen der Sozialisierung und einer Hinführung zum Commoning, den Schritt zum Konzept des revolutionären Kommunalismus zu vollziehen und in die Perspektive des Communismus einzuordnen.

 2. Sozialisierung

 Auch wenn die Herrschaft des Kapitals, verstanden als selbstzweckhafte Verwertung von Wert, keineswegs auf die Verfügung einer Klasse über Produktionsmittel heruntergebrochen werden kann, so ist doch ebenso klar, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln gebrochen werden muss. Der frühen Kritischen Theorie, wie sie in der »Zeitschrift für Sozialforschung« vorliegt, ist dies selbstverständlich, zugleich bestehen frühe Zweifel ob die Verstaatlichung der Produktionsmittel in der Sowjetunion mit dem Ziel der Vergesellschaftung übereinstimmt. So heisst es schon 1936:

»Das Unterstellen der industriellen Produktion unter die Kontrolle eines Staates ist ein geschichtliches Faktum, dessen Bedeutung im Sinne der kritischen Theorie jeweils erst zu analysieren ist. Ob es sich um Vergesellschaftung in ihrem Sinne handelt, (…) hängt nicht etwa bloß von der Änderung bestimmter Eigentumsverhältnisse (…) ab, sondern ebenso von Wesen und Entfaltung der Gesellschaft, in der sich all dies vollzieht« (Horkheimer/Marcuse 1980: 629)

Wohlgemerkt ist mit dem Sozialisierungsproblem noch nicht nach dem Communismus gefragt, sondern nach dem sogenannten »real existierenden Sozialismus«, den Herbert Marcuse 1955 unter dem Begriff des Sowjetmarxismus untersucht, die gemeinsame Frage diesbezüglich beantwortet.

»Ohne die Initiative und Kontrolle ›von unten‹ durch die ›unmittelbaren Produzenten‹ ist Verstaatlichung bloß ein technisch-politisches Mittel, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen, die Entwicklung der Produktivkräfte zu beschleunigen und sie von oben zu kontrollieren (zentrale Planung) – mehr ein Wechsel in der Herrschaftsweise, eine Modernisierung der Herrschaft, als eine Voraussetzung sie abzuschaffen« (Marcuse 2004a: 90).

Da für die Kritische Theorie fürderhin, sowohl was den Pragmatiker Horkheimer als auch den Utopiker Marcuse angeht, Praxis »auf unabsehbare Zeit vertagt« ist (Adorno 2003b: 16), womit gerade nicht politische oder theoretische Interventionen sondern revolutionäre Praxis gemeint ist, finden sich wenig weitergehende Überlegungen über Bedingungen einer gelungenen Vergesellschaftung. Als interessant erweist sich jedoch ein Blick in die kleine Broschüre, die Karl Korsch 1920 unter dem Titel »Was ist Sozialisierung?« veröffentlichte. Auf seine Initiative fand 1923 die »Marxistische Arbeitswoche«, das erste Theorieseminar des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, statt. In seinem grundlegenden Text unterscheidet Korsch zwei Formen von Sozialisierung, die er als gegenseitig ergänzungsbedürftig versteht. Einerseits die Verstaatlichung oder Kommunalisierung von Betrieben, welche an den Interessen der allgemeinen Konsument_innenschaft orientiert sei und daher die Gefahr eines Kosument_innenkapitalismus berge, und andererseits die Kollektivierung von Betrieben durch die Produzent_innen selbst, die in Produzent_innenkapitalismus münden würde (Korsch: 16). Korsch geht dabei vom Interesse der Konsumierenden an niedrigen Preisen und dem der Produzierenden an hohen Löhnen aus, die sich gegenseitig widersprechen, er bleibt explizit im Horizont von Lohnarbeit und Warenproduktion, also in der von Marx so genannten ersten Phase des Kommunismus, dem Sozialismus. Ist auch mit dem »Commonism« (Meretz) ein Sozialismus gemeint? Ist die Commons-Debatte in der Lage das von Korsch aufgeworfene Problem zu lösen?

3. Commons

 In einem Teil der momentanen Debatte um Commons und deren Perspektiven wird der Begriff mehr oder weniger auf ein Verständnis als Gemeingüter, Allmende o.ä. beschränkt (vgl. v. Winterfeld et al. 2012: 10ff.). In diesem Zusammenhang sind Commons nur eine Erweiterung der Gütertheorie, zum Privateigentum kommt das Gemeineigentum hinzu. Folglich braucht es staatlich gesetzte Rahmenbedingungen und Gesetze, die Commons als Gemeineigentum schützen und fördern. An einen Abbau des Staates ist aus dieser Sicht nicht zu denken. Auch im Sammelband »Commons – Für eine Politik jenseits von Markt und Staat« (Helfrich/Böll-Stiftung 2012) wird diese Perspektive von zahlreichen Autor_innen eingenommen. Dazu muss aber eingeräumt werden, dass hier auch viele Texte explizit keine utopische Vision aufspannen wollen, sondern konkret auf aktuelle kapitalistische Einhegungsbestrebungen reagieren.

Allerdings versuchen einige Beiträge auch diese Grenzen mit einem Paradigmenwechsel zu sprengen und das jenseits tatsächlich theoretisch zu beleuchten. Hier scheint perspektivisch ein utopisches Moment auf, das sich aus dem Korsett staatlicher und marktförmiger Abhängigkeiten befreit.

Zunächst ist dafür der Commons-Begriff zu erweitern. Im Kapitalismus wird die gesellschaftliche Vermittlung durch Waren und Wert erreicht. Waren sind demnach nicht nur Produkte, die mittels Geld getauscht werden, sondern zugleich die Form das Produkt herzustellen, also ein soziales Verhältnis. Auch der Zweck (das Verkaufen) ist der Warenproduktion eingeschrieben, wovon auch Produktionsmittel und Produktionsweise betroffen sind. Als ein Beispiel lässt sich hierfür die sogenannte »geplante Obsoleszenz«, vorgesehener Verschleiß, nennen. Wenn die Ware die Elementarform (Marx) des Kapitalismus ist, braucht es zu dessen Aufhebung eine andere Elementarform. Der Begriff der Commons wäre folglich so zu erweitern, dass er ebenso wie die Warenform sowohl Ressourcen und Produkte als auch eine soziale Beziehung abbildet und mittels einer Matrix aus Bedürfnissen und Reputation gesellschaftliche Vermittlung erreicht (vgl. Meretz 2012a). In der Produktion werden für Meretz Ressourcen zu Commons, die genutzt und verbraucht werden können oder – z.B. über Vernetzung mit Anderen – als Ausgangspunkt für weitere Produktion dienen.

Um Keimformen der sozialen Praxis für diesen Produktionsprozess zu beschreiben, wurde der Begriff des Commoning eingeführt (Helfrich/Bollier 2012: 19). Commoning meint dabei nicht eine Utopie oder eine bevorstehende Umwälzung (Sozialisierung), sondern zum Commoning zählen alltägliche Handlungen, die statt einer Logik der Konkurrenz einer Logik der Kooperation folgen. »Hier sind die Menschen miteinander verbunden. Sie nutzen gemeinsam Ressourcen, überlegen sich Regeln, um diese zu erhalten oder zu vermehren, und finden dabei die sozialen Formen, die am besten passen« (Meretz 2012b: 62). Dazu gehört, dass sich über die Bedürfnisse, für die produziert wird, von vornherein verständigt wird. Das Ziel der Produktion ist nicht eindimensional auf Profit ausgerichtet, sondern bildet eine mehrdimensionale Pluralität. Ebenso können Zielkonflikte vorher intern verhandelt werden und werden nicht im Nachhinein der Gesellschaft als »externe Kosten« aufgebürdet. Weiterhin gibt es zwar keine Eigentümer_innen einer Sache, dafür aber Mitbesitzer_innen und daher auch Mitverantwortliche. Die Art und Weise, wie produziert wird, beruht auf einer Logik der Inklusion[1]. Die Entfaltung der Anderen ist auch aus einer egoistischen Sicht ein Vorteil, da ich einen Nutzen von den Tätigkeiten Anderer habe, während die Anderen von meinem Tätig-Sein profitieren, wenn ich mich entfalten kann. Stefan Meretz spricht von einer »strukturellen Gemeinschaftlichkeit« der Commons, von »kooperieren, um zu kooperieren. Kooperation ist gewissermaßen Mittel und Ziel in einem. In der Kooperation werden zwei Dinge erzeugt: die sozialen Strukturen und Praktiken (Commoning) und die Produkte – welcher Art auch immer« (ebd.: 60). Commons liege damit das Potenzial inne, strukturell den Gemeinsinn zu fördern, anstatt die Konkurrenz zu entfesseln, die dann wieder staatliche Gesetze benötigt, um den Krieg aller gegen Alle zu begrenzen. Daraus folgt aber auch, dass Commons nichts Fertiges sind, sondern sie werden erst in der sozialen Interaktion gemacht.

Für eine Durchsetzung einer Commons-basierten Produktionsweise, die sich aus den bestehenden Strukturen heraus entwickelt, aber nicht mehr für den Markt produziert, ist laut Meretz eine doppelte Funktionalität Bedingung: Sie soll innerhalb der Warenproduktion bestehen können und sich über den Markt verbreiten, zugleich aber eine zunehmende Unabhängigkeit vom Markt ermöglichen (vgl. Meretz 2012a). Tritt nur das erste ein, wäre es eine Modernisierung des Kapitalismus, da z.B. frei verfügbares Wissen auch vom Kapital genutzt und in der Massenproduktion angewendet werden kann. Die als Gegensatz verstandene Commons-basierte Produktion soll aber Meretz zufolge nicht nur Nischenökonomie sein, sondern in wirtschaftlichen Krisen, wenn die Warenproduktion (teilweise) nicht mehr funktioniert, die Chance haben Alternativökonomie zu werden. Dafür sei aber eine größere Vernetzung und Verbreitung dieser Produktionsweise notwendig. Sie muss sich also auch auf eigener Grundlage entfalten. Da er auf die Übernahme und das Absterben des Staates zu Recht nicht vertraut, will er an ein Absterben des Marktes zugunsten des Commonism glauben. In überwiegend agrarisch geprägten Gebieten, v.a. des globalen Südens, sind Commons auch heute gelebte Realität. Hieraus könnten ggf. Impulse für den eigenen Lernprozess abgeleitet werden, um auf eine größere Ebene zu skalieren und dem Stand der Produktivkräfte entsprechend anzupassen, denn das Ziel kann nicht ein Rückfall auf Subsintenzformen sein. Als nicht schon im Bewusstsein vorbelasteter Begriff – wenn er denn in der hier dargestellten Weise, samt den damit verknüpften Logiken und Praktiken, verwendet wird – bieten Commons Chancen. Da Worten eine performative Kraft inne wohnt (vgl. Helfrich/Bollier 2012: 18f), wirken sie sowohl nach Innen (wir denken nicht mehr (ausschließlich) in Kategorien wie Kund_innen, Vorgesetzte, etc.) wie in der Aussendarstellung.

Es gilt demnach das emanzipatorische Potential der Commons stark zu machen und sich dabei nicht wiederholt irgendwo zwischen Markt und Staat integrieren zu lassen. Schließlich sind unter den gegebenen Bedingungen, solange die Warenlogik als gesellschaftliche Vermittlung dominant ist, Commons-Projekte auf Geld angewiesen. Als wichtig wird angesehen, dass die entstehenden Commons dann nicht mehr für den Markt produzieren, sondern letztlich ihrer eigenen Logik folgen. So können soziale Umgangsformen entwickelt und reflektiert werden, bis es soweit ist, dass Commons Commons produzieren. Ansätze und Versuche so eine Keimform zu entwickeln, sind vorhanden (vgl. Habermann 2009) oder in der Entstehung. Die gemeinschaftlichen Strukturen der »Halbinseln« ähneln dabei notwendig dem Modell von Genossenschaften. Sie reproduzieren sich in der Regel weiterhin durch Arbeitseinkommen oder über Spenden. Als Keimform bleiben die Projekte verstreut und oft genug prekär, in der Warenlogik gefangen. Sie sind folglich stets bedroht, wieder in die Warenlogik zurück zu fallen. Markt und Staat können sogar »commonsfreundlich« sein, indem sie »von Außen« z.B. durch das zur Verfügung stellen von Geld oder Räumen helfen. Die Gefahr der (Re-)Integration des Commons-Ansatzes liegt auch darin, dass die moderne Trennung zwischen Ökonomie und Politik, Warenform und Staatsform, auch die Keimform prägt. Commons-basierte Produktion im genossenschaftlichen Sinn nähert sich leicht dem von Korsch beschriebenen selbstverwalteten Produzent_innen- oder Kollektivkapitalismus an. Gerade die Ausblendung der politischen Ebene, das Fehlen von nicht-staatlichen Ordnungsmodellen, welche die Commons tragen könnten, wirkt sich hier aus. Der Ansatz der Kommunalisierung, wie er von Murray Bookchin entwickelt wurde, stellt den Versuch einer konkreten Utopie dar, um diesen Mühlen von Staat und Markt zu entgehen.

4. Kommunalisierung

 Für Korsch liegt die Lösung in einer Mischform von Verstaatlichung/Kommunalisierung, wie sie der klassische Marxismus vertrat, und einer genossenschaftlichen Produktionsweise, in deren Tradition die Commons stehen. Für unsere Überlegungen interessant ist vor allem zweierlei: Erstens benennt Korsch die Gefahren des Staatskapitalismus ebenso wie die des Selbstverwaltungskapitalismus, die in Bürokratie einerseits, und fortgesetzter Konkurrenz der kollektivierten Betriebe andererseits münden können. Zweitens ist auffällig, dass er die zentralistische Verstaatlichung und die Kommunalisierung als eine der beiden Grundformen von Sozialisierung identisch setzt (Korsch: 16, 19, 20, 22, 24). An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern Kommunalisierung als eine eigenständige Alternative zu Verstaatlichung und Kollektivierung verstanden werden kann.

Selbiges ist die Grundthese des »Libertären Kommunalismus« von Murray Bookchin. In seinem 1996 auf deutsch erschienenen Buch »Die Agonie der Stadt« benennt Bookchin die selben Probleme wie Korsch, die sich aus zentralisierter Verstaatlichung und kollektiver Selbstverwaltung ergeben, entwirft aber die Kommunalisierung als die dritte, libertär-sozialistische Form der Sozialisierung.

»Verstaatlichung führt immer zu einer bürokratisierten, kopflastigen Kommandowirtschaft, während betriebliche Selbstverwaltung ihrerseits zum Wiedererstehen privater Elemente in kollektiver Verkleidung führen kann, nämlich zu einer Verfestigung von Klassen- oder Kasteninteressen. Die Kommunalisierung hingegen gliedert die Wirtschaft als Ganzes in die öffentliche Sphäre ein, wo sie ihre Vorgaben von der Gemeinschaft aller erhält, insbesondere aus dem direkten Kontakt der Bürger, die über ihre jeweiligen beruflichen Sonderinteressen hinaus dem Gemeinwohl dienen. Die Wirtschaft ist nicht länger eine Ökonomie im herkömmlichen Sinn, die aus kapitalistischen Unternehmen, seien sie auch unter ›Arbeiterkontrolle‹ besteht. Sie wird vielmehr zu einer wirklich Politischen Ökonomie (um einmal einen traditionellen Begriff ganz untraditionell zu verwenden): zu einer Ökonomie der Polis oder Kommune« (Bookchin 1996: 286).

Bookchins Vorschlag weist aus communistischer Sicht erhebliche Mängel auf. In negativ-utopischer Sicht ist er defizitär, da er die bestehende Produktions- und die geschlechtlich konnotierte Reproduktionsweise nicht hinterfragt, sondern einer schlechten Utopie alternativer Warenproduktion entspricht. In konkret-utopischer Perspektive ist er unzureichend, da er die bestehende Arbeitsteilung in Form der weiterhin fixen »beruflichen Sonderinteressen« in die vorgebliche Zukunft verlängert. Nichtsdestotrotz enthält die Sozialisierung als Kommunalisierung Vorzüge gegenüber der Verstaatlichung und Kollektivierung, wobei klar ist, dass es Bookchin keineswegs um kommunale Betriebe im Kapitalismus, wie etwa Stadtwerke, geht. Seine Idee ist, die Entscheidung über Produktion und Bedarf weder dem Staatsfetischismus zentraler Planung zu unterwerfen noch einer selbstverwalteten Konkurrenz zu überlassen, sondern die Trennung zwischen Produzent_innen- und Konsument_inneninteressen dadurch aufzuheben, dass über Plan und Ausführung kommunale, rätedemokratische Institutionen entscheiden. Bookchin denkt seine konkrete Utopie, um gerade nicht hinter im Kapitalismus erreichte Produktivität und Liberalität zurückzufallen, nicht als Provinzialisierung autarker Städte, sondern als ein Modell föderaler Vernetzung (Bookchin 1996: 287) und hält gegen die abstrakte Utopie einer vermittlungslosen Selbstverwaltug daran fest, Entscheiden und Tun durchaus weiterhin zu trennen.

»Wenn in einer Gemeinschaft partizipatorisch darüber entschieden werden soll, wie man mit einem Problem zu Rande kommen soll, folgt daraus nicht, daß nun unbedingt die gesamte Bevölkerung an den zur Durchführung der Entscheidung notwendigen praktischen Schritten beteiligt werden muß« (Bookchin 1996: 270).

Seine Theorie wird insofern dem Anspruch communistischer Kritik gerecht, dass bei der Überwindung des Kapitals »Vermittlung zu erhalten wäre, die durch Arbeitsteilung möglich geworden ist. Kommunismus, soll er freie Assoziation und nicht erzwungene Regression sein, setzt die Vereinzelung und Differenziertheit voraus, die im Negativen jeweils erreicht wurde« (Scheit 2004: 37). Insofern wäre auch Bookchins Ideal der Stadtteilversammlung zumindest insoweit zu beschränken, als die vernünftige Einrichtung der Gesellschaft die Individuen ja gerade zu entlasten und nicht durch permanente Beratungen zusätzlich zu belasten hat.

Fragt man nun, ähnlich wie oben hinsichtlich des marktorientierten Commoning, nach den Umsetzungsmöglichkeit eines kommunalen Commoning, ergeben sich neue Möglichkeiten und Probleme. Die Stadt bietet, so Bookchins Annahme, eine Übersichtlichkeit und Kontrollierbarkeit von Entscheidungen, die in verselbständigten Strukturen wie Markt und Staat nicht gegeben ist. Die Erfahrung der eigenen Lebensqualität sei Grundlage von Entscheidungen, die auch die Qualität der kommunalisierten Commons und die Methoden ihrer Herstellung betreffen. Der für sinnvoll gehaltene Aufwand bei der Herstellung von Gütern, ebenso wie der Zugriff auf diese, würden zum Gegenstand öffentlichen Interesses und damit institutionell beeinflussbar. Zugleich trägt auch eine basisdemokratische Planwirtschaft auf kommunaler Ebene autoritäre Züge, die jeder politischen Form eigen sind. Beschlüsse sind für Bookchin die der Mehrheit, auch wenn er eine interessierte Öffentlichkeit voraussetzt.

Mit seinem Modell der sozialistischen Kommune beruft er sich ausdrücklich auf Marx‘ Schriften zur Pariser Commune. In diesen erwägt Marx die Möglichkeit einer föderalen Kommunalverfassung und bezeichnet die Kommune als »endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte« (Marx 1970: 76). Zugespitzt findet sich hier auch der Gegensatz von städtischer Selbstverwaltung und staatlicher Herrschaft:

»Die Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war eine Wiederbelebung durch das Volk und des eignen gesellschaftlichen Lebens des Volkes« (ebd. 169).

Mehr Partizipationsmöglichkeiten, wie sie Marx und Bookchin in der Kommune ausmachen, garantieren weder tatsächliche Beteiligung, noch die Vernünftigkeit getroffener Entscheidungen. Die Unvernunft der Trennung von Politik und Ökonomie wäre allerdings endlich aufgehoben. Auch Bookchins Kommunalismus stößt freilich an die Grenze jeder konkreten Utopie, nicht durch Vorgabe allgemeiner Strukturen das Gelingen sozialer Experimente garantieren zu können. Bedeutung kommt dem Utopischen, sofern es Negation von Bestehendem und Konkretion von Möglichem ist, nur im Sinne eines orientiertenden Fluchtpunktes zu.

Unterhalb jener gesellschaftlichen Emanzipation, die Bookchin als mittelfristige Möglichkeit begreift, stellt sich die Frage nach dem Hier und Jetzt. Für städtische soziale Bewegungen, die sich etwa gegen hohe Mietpreise richten, ist die Stadt bereits der Mittelpunkt sozialer Bestrebungen. Kommunalisierung von Gütern und deren unentgeltlicher, öffentlicher Gebrauch sind auch im Kapitalismus denkbar, wenn es sich z.B. um Verkehrsmittel, Bildungs-, Sport- und Kultureinrichtungen oder um Grundversorgung mit Wasser, Strom usw. handelt. Als eine Form von Sozialisierung bezieht Bookchin Kommunalisierug auch auf urbanen Wohnraum, der von einer Revenuequelle in öffentliches Gut verwandelt, also durch Ent- und Aneignung zum Common wird. Bereits die Marxsche Kommunalverfassung sieht eine kommunale, regionale und globale Neuordnung von Produktion und Konsumtion vor, gibt der Utopie in der Kommune ihren topos.

5. Communismus

 Als minimale Definition gilt nach wie vor die Bestimmung des Communismus von Marx und Engels als »eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist« (MEW 4: 482). Als Voraussetzung, die ein Überschreiten des Rechtsfetischs und ein Überwinden der Staatsform ermöglichen, gibt Marx 1875 an: »Nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« (Marx 1975). 1967, bald 100 Jahre später, allerdings nach der Niederlage des Sozialismus gegen die Barbarei, der Rückkehr von der Wissenschaft zur Utopie, kommt Herbert Marcuse bezüglich der von Marx angegeben objektiven Bedingungen zum Schluss: »Den technischen und technologischen Kräften des fortgeschrittenen Kapitalismus (…) wohnen utopische Möglichkeiten inne« (Marcuse 2004b: 244).

Die mangelnde Möglichkeit liegt folglich auf der subjektiven Seite, bei den Individuen, die noch nicht allseitig entwickelt sind, den Zumutungen von Staat und Kapital samt deren Fetischcharakter, nicht mit praktischer Vernunft, sondern gleichgültig oder ideologisch, mit rassistischen und antisemitischen Reflexen, gegenübertreten und deren Bedürfnisstruktur selbst fest integriert ist. Auf der Suche nach dem Communismus, als einer sowohl negativ als auch konkret zu bestimmenden Utopie, kommt es bezüglich der Commons-Debatte darauf an, ob eine kritische Distanz zu staatlichen und kollektiven Formen von Sozialisierung erreicht werden kann, welche nicht oberflächlich bleibt, sondern Kapital und Staat als verselbständigte Fetische negiert. Möglicherweise, gar hoffentlich, kann die in diesem Artikel in Erinnerung gebrachte Alternative einer Sozialisierung als Kommunalisierung zu diesem Lern- und Diskussionsprozess beitragen.

 

Autoren

Alexander Neupert (Jahrgang 1981), studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte in Osnabrück, wo er zur Zeit als Lehrbeauftragter arbeitet und 2013 seine Dissertation zum Begriff des Staatsfetischismus vorlegen wird.
Jörg Gakenholz (Jahrgang 1984), studierte Sozialwissenschaften (B.A.) in Osnabrück und macht zur Zeit den M.A. Soziologie an der Universität Münster.

Literaturliste

Adorno, Theodor W. (2003): Individuum und Staat, in: Gesammelte Schriften 20.1, Frankfurt a.M.
Adorno, Theodor W. (2003b): Negative Dialektk, in: Gesammelte Schriften 6, Frankfurt a.M.
Adorno, Theodor W. (1975): Etwas fehlt…Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht, in: Traub, Rainer / Wieser, Harald (Hg.): Gespräche mit Ernst Bloch, Frankfurt am Main.
Bookchin, Murray (1996): Die Agonie der Stadt, Grafenau.
Habermann, Friederike (2009): Halbinseln gegen den Strom, Königstein.
Helfrich, Silke (2012): Das »Betriebssystem« der Commons. Version 0.5. In: Helfrich, Silke, Heinrich-Böll-Stiftung.
Helfrich, Silke / Bollier, David (2012): Commons als transformative Kraft. Zur Einführung. In: Helfrich, Silke, Heinrich-Böll-Stiftung.
Helfrich, Silke / Heinrich-Böll-Stiftung (2012): Commons. Für eine Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld.
Horkheimer, Max / Marcuse, Herbert (1980): Philosophie und kritische Theorie, in: ZfS 1937.
Marcuse, Herbert (2004a): Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, in: Schriften 6, Neuwied.
Marcuse, Herbert (2004b): Versuch über die Befreiung, Schriften 8, Neuwied.
Meretz, Stefan (2012a): Kapitalismus aufheben. Vortrag in Kassel.  http://keimform.de/2012/vortrag-kapitalismus-aufheben-in-kassel/  (eingesehen am 13.09.12)
Meretz, Stefan (2012b): Ubuntu-Philosophie. Die strukturelle Gemeinschaftlichkeit der Commons. In: Helfrich, Silke / Heinrich-Böll-Stiftung.
Korsch, Karl (1923): Was ist Sozialisierung?
Marx, Karl / Engels, Friedrich (1990): Manifest der kommunistischen Partei, in MEW 4, Berlin.
Marx, Karl (1988): Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW 23, Berlin.
Marx, Karl (1973): Kritik des Gothaer Programms, in: MEW 19, Berlin.
Marx, Karl (1970): Der Bürgerkrieg in Frankreich, Berlin.
Scheit, Gerhard (2004): Suicide Attack – Zur Kritik der politischen Gewalt, Freiburg.
v. Winterfeld, Uta / Biesecker, Adelheid / Katz, Christine / Best, Benjamin (2012): Welche Rolle können Commons in Transformationsprozessen zu Nachhaltigkeit spielen? Wuppertal.

Fussnoten

[1] Wie die Commons-Logik idealtypisch aussehen kann, hat Helfrich (2012) schematisch dargestellt.

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