Mapping Kommunismus


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Editorial – Mapping Kommunismus
Von Redaktion Respektive


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Totgesagte leben länger. Gut 20 Jahre nachdem mit dem Zusammenbruch des sogenannten Realsozialismus das »Ende der Geschichte« proklamiert worden ist, geht das Gespenst wieder um. Der Kapitalismus hat zwar überlebt, aber er ist nicht mehr als bloss übrig geblieben. Er steckt dauernd in der Krise, hat sich aber in diesem permanenten Ausnahmezustand doch stets als einzig gängige Alternative zu präsentieren verstanden. Alles andere ist Unfreiheit, Katastrophe, Diktatur. Das scheint sich nun zu ändern – wenn auch langsam. So wirklich glaubt kaum einer mehr an die unsichtbare Hand der freien Märkte und die heilende Kraft der Konkurrenz aller gegen alle. Vernehmbarer wird wieder über Alternativen nachgedacht und es beginnt sich eine politische Praxis zu entwickeln, die für diese Alternative einstehen will. Dafür steht auch die Renaissance des Begriffs Kommunismus: Den einen dient er als Sammelbegriff für die Arbeit an einer anderen Welt, in der alle Menschen gerne leben; für die anderen ist er im Sinne einer marxistischen Analyse die konkrete und ausgefeilte Antwort auf die ausbeuterischen Verhältnisse, die der Kapitalismus verursacht.

Philosoph_innen wie Alain Badiou, Frigga Haug oder Antonio Negri sprechen offen darüber, am Begriff Kommunismus festhalten zu wollen und es wird ihnen aufmerksam zugehört. Um die Idee des Kommunismus finden sich in den laufenden Debatten weitere Konzepte, die alle nach Möglichkeiten einer Vergesellschaftung jenseits des Kapitalismus suchen. In Anschluss an den Gemeinschaftsbegriff von Jean Luc Nancy suchen einige nach einem Kollektiv, das zwar Allianzen und Solidarität ermöglicht, ohne jedoch in gesellschaftlichen Ausschluss zu münden. Und in Diskussionen um eine konkrete politische Praxis werden unter den Begriffen Commons, Commoning, Communismus Möglichkeiten des Gemeineigentums diskutiert. Dabei sehen einige in organisatorischen Strukturen und Prozessen, die eine Nutzung von Gütern und Wissen als Gemeineigentum ermöglichen, die Keimzelle des Kommunismus. Und ebenso im Feld der Kunst ist wieder von Kommunismus die Rede. So hatte das aus Zagreb stammende Kurator_innenkollekitv What, How and for Whom?, mit Bertolt Brecht als Pate, 2009 an der elften Istanbul Biennale mit den Mitteln der Kunst eine Aktualisierung des Kommunismus versucht. Im Katalog zur Ausstellung erklärt das WHW Kollektiv der Kommunismus bleibe mit seinen Grundwerten von gesellschaftlicher Gleichheit, Solidarität [und] sozialer Gerechtigkeit als emanzipatorische Politik konkurrenzlos. Und weiter: Dieser sei in der Lage, die globale Hegemonie des Kapitalismus anzugreifen und gegen neofaschistische Tendenzen, wie sie sich im staatlichen Autoritarismus und der Militarisierung der internationalen Politik zeigen, eine neue Solidarität zu entwickeln.

Einerlei, ob es sich bei der Rede vom Kommunismus bloss um eine diskursstrategische oder symbolische Geste handelt und auch abgesehen davon, dass das Wort alleine noch keinen Kommunismus macht, ist es doch bemerkenswert, wie gerade dieser Begriff im Reden über die Möglichkeit einer Vergesellschaftung jenseits der Verwertungslogik wieder Popularität erreicht. Handelt es sich dabei lediglich um einen kurzfristigen Hype? Oder geht es vielleicht um die Ankündigung zur Neukonstitution einer radikalen Gesellschaftskritik? Einer politischen Praxis mit revolutionären Ansprüchen?

Mit Ausnahme von Nepal, Indien und Südamerika, wo es gesellschaftlich relevante Bewegungen gibt, die sich aktiv mit einer sozialistischen und/oder kommunistischen Perspektive auseinandersetzen, wird die Politik heute kaum kommunistisch bestimmt. Was aber zu beobachten ist, sind weltweite Aufstände, Protestformen, Unmutsbekundungen gegen ein System, an das nicht mehr geglaubt wird und das nicht mehr in der Lage ist, schon nur die Grundbedürfnisse vieler Menschen zu befriedigen. Von den Revolten in Nordafrika über die Occupy-Bewegung in den westlichen Finanzzentren, von den Protesten gegen die Sparpakete in Griechenland, die Demonstrationen und Besetzungen der »Indignados« in Spanien bis hin zu den militant geführten Streiks und Arbeitskämpfen in China gehen Menschen auf die Strasse, um gegen die Wirtschaftspolitiken ihrer Regierungen zu protestieren. Auch wenn viele dieser Bewegungen in ihrem Projekt unartikuliert und wenig geeint bleiben, so wird von ebenso vielen Bewegungen die Forderung für eine andere Form des Wirtschaftens erhoben, wird zur Solidarität, zur Umverteilung und Gleichberechtigung aller in einer Gesellschaft lebenden Menschen aufgerufen. Während in den 1990er Jahren seitens der Anti-Globalisierungsbewegung ganz allgemein eine »andere Welt« gefordert wurde, wird heute wieder vermehrt konkret über Kommunismus debattiert.

Mit der aktuellen und ersten online-Ausgabe von Respektive knüpfen wir deshalb an Alain Badious Behauptung der Aktualität des Kommunismus an. In unserem Schwerpunkt für 2013 sammeln wir unter dem Schlagwort Mapping Kommunismus Ansätze, Projekte und Bewegungen, die sich aktuell auf den Kommunismus oder Commons als Projekt beziehen. Wir wollen dabei weder die Theorie gegen die Praxis noch die Praxis gegen das Denken ausspielen. Vielmehr sehen wir unser Unterfangen als ein prozesshaft angelegter Versuch, eine Topografie des Kommunismus heute zu kartieren und vielleicht gelingt es uns, aus dem was wir finden, Kriterien abzustecken, was es bedeutet, heute von Kommunismus zu reden. So wollen wir den Fokus weniger in die Vergangenheit richten sondern wagen den Blick in die Gegenwart.

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