Archiv


PDF-Version

Karten von Gewalt und Alltag
Von Anke Hagemann, Berlin


Share

Die Projekte »Grenzgeografien« und »Beirut – Mapping Security« unternehmen unabhängig voneinander den Versuch, die Auswirkungen von Macht- und Gewaltverhältnissen auf den städtischen Raum sichtbar zu machen. Gleichzeitig geht es darum, zu zeigen, wie der Raum selbst zu einem Medium der Macht wird und wie 
Architektur und Planung als Instrumente der Kontrolle und Gewaltausübung dienen. Mit Jerusalem und Beirut untersuchen beide Projekte Städte vor dem Hintergrund latenter oder offener gewaltsamer Konflikte. Aber trotz der Extremsituationen um die es hier geht, finden sich auch Parallelen zu 
globalen Trends in der Stadtentwicklung – wie die Verbreitung von Gated Communities oder die zunehmende Überwachung öffentlicher Räume. Beide Projekte wählen das Medium der kartografischen Darstellung, um ihre räumlichen Analysen sichtbar zu machen und zu kommunizieren. Die Kartografie, die seit 
Beginn der Neuzeit als Machtinstrument entwickelt wurde, um z.B. imperialistische Besitzansprüche zu artikulieren oder die Kriegsführung zu perfektionieren, wird hier zu einem kritischen Werkzeug, das die 
Wirkungsweisen der Macht offenlegt oder alternative Sichtweisen auf den Raum möglich macht. Wichtig ist ihnen dabei jeweils, nicht nur die konkreten Mechanismen der Machtausübung darzustellen, sondern auch die Auswirkungen auf den individuellen städtischen Alltag zu erfassen. Die vermeintlich objektive Vogelperspektive der Karte wird durch die subjektiven Wahrnehmungen der Akteurinnen und Akteure ergänzt.

Anke Hagemann sprach mit Mona Fawaz und Ahmad Gharbieh als Vertreter des Projekts »Beirut – Mapping Security« und mit Philipp Misselwitz und Tim Rieniets, die das Projekt »Grenzgeografien« initiierten. Beide Projekte sind Teil einer Sammlung kritischer Kartografien, die im Rahmen der Ausstellung »Friedensschauplätze« entstand (NGBK Berlin, Mai / Juni 2010, www.friedensschauplaetze.org

 

 

Beirut – Mapping Security

Anke Hagemann: Was sind die Hintergründe eures Projekts Beirut – Mapping Security?
Mona Fawaz und Ahmad Gharbieh: Der bewaffnete Konflikt lässt die sichtbare Anwesenheit sogenannter Sicherheitsmassnahmen in Form von Barrikaden, Strassensperren und Militärpersonal im städtischen Alltag normal erscheinen. Das ist wahrscheinlich auf die verschiedenen Kriege zurückzuführen, die die jüngste Geschichte Libanons geprägt haben: der Bürgerkrieg (1975–1990), die israelische Besatzung von Teilen Süd-Libanons (seit 1978) und der anhaltende arabisch-israelische Konflikt. Die Sicherheitsmassnahmen in Beirut, die mit diesen Konflikten in Zusammenhang gebracht werden – ob es um den Schutz politischer Schlüsselfiguren oder um die Verhinderung von Gewalt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen geht – sind längst ein allgegenwärtiger Aspekt der städtischen Umwelt und bestimmen die alltäglichen Praktiken und Bewegungen der Menschen. In den letzten Jahren führte das Aufkommen zahlreicher luxuriöser Einkaufs- und Unterhaltungseinrichtungen in Beirut zu einer weiteren Ebene von Sicherheitsmassnahmen, diesmal mit dem Ziel, die Reichen zu beschützen. Als Konsequenz dieser Entwicklungen werden alle Stadtbürger als 
potenzielle Bedrohung angesehen und soziale Hierarchien werden neu organisiert.

Ziel unseres Projekts war es, eine öffentliche Diskussion über die Normalisierung von Sicherheit als Bestandteil der Stadtpolitik zu 
initiieren und zu thematisieren, wie das damit verbundene Narrativ von Bedrohungen und Ängsten die Alltagspraxis grundlegend verändert. Dabei hielten wir das Kartieren der tatsächlichen Sicherheitselemente für die überzeugendste Strategie – eine Art Touristenkarte von Beirut, die jede_r Auswärtige tatsächlich braucht, um sich in der Stadt zu bewegen. 
Diese Karte ergänzten wir um verschiedene persönliche Berichte und Praktiken vor Ort, womit wir die Breite individueller Erfahrungen und Wahrnehmungen aufzeigen wollten.

Auf welche Arten wird politische oder ökonomische Macht und strukturelle Gewalt im städtischen Raum durchgesetzt? Wie greifen die Sicherheitsmassnahmen in das tägliche Leben unterschiedlicher Personen ein? Welche Rolle spielt dabei die Angst?
Bei den Erkenntnissen, die wir in unserem Projekt gewonnen haben, standen die räumlichen Manifestationen politischer oder ökonomischer Macht- und Gewaltausübung in der Stadt im Mittelpunkt: Ihr Ausmass wird durch die Kartierung und Analyse der Sicherheitsmechanismen und -einrichtungen auf den Strassen von Beirut sichtbar gemacht. Ausserdem wird deutlich, wie das System soziale Hierarchien verändert und aus politischer, religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit, Klasse, Geschlecht oder anderen Identitätsmerkmalen Bedrohungen konstruiert. In diesem Prozess sind die städtischen Bewohnerinnen und Bewohner den Sicherheitsmassnahmen aber nicht passiv ausgeliefert; durch ihre täglichen Praktiken und durch den eigenen Aufbau von Sicherheitsnetzwerken werden diese Massnahmen immer wieder neu ausgehandelt. Unsere Forschung zeigt ganz klar, dass Vorstellungen von Angst und Sicherheit sich nicht gegenseitig ausschliessen, und es auf jeden einzelnen und seine_ihre besondere Rolle ankommt, ob die institutionalisierten Kontrollmassnahmen als beängstigend oder beruhigend (oder als irgendetwas dazwischen) wahrgenommen werden.

Die Sicherheits- und Kontrollmassnahmen in eurer Karte sind vor allem temporär installierte technische Geräte, Barrieren oder Fahrzeuge. Inwieweit hat der Sicherheitsimperativ bereits die konkrete Architektur und Stadtplanung beeinflusst?
Der Sicherheitsimperativ muss auf verschiedenen Ebenen und Massstäben betrachtet werden. Während die zunehmende Aufrüstung des öffentlichen Raums, die wir in unseren Karten dargestellt haben, vor allem auf temporären Massnahmen basiert, wurde die Architektur im privaten Bereich bereits ganz ungeniert den Sicherheitsanforderungen angepasst. So wendet sich der von vielen gefeierte Entwurf der französischen Botschaft in Beirut mit einer drei Meter hohen Befestigung von der Stadt ab. Die Logik des Einmauerns dominiert auch die Gestaltung von Apartmenthäusern für Besserverdienende, die dem städtischen Raum immer häufiger mit Betonzäunen und Sicherheitstoren begegnen.
Auf nationalem Massstab hat Hiba Bou Akar gezeigt, wie Masterpläne zur Stadtentwicklung und Flächennutzung zum Werkzeug verschiedener gesellschaftlich-religiöser Gruppen geworden sind, um andere Gruppierungen fernzuhalten. Grünzonen und Industriegebiete werden strategisch als Abstandsflächen angelegt, um die Ausbreitung von Wohngebieten bestimmter Bevölkerungsgruppen zu begrenzen, die als unerwünscht erachtet werden. 
Diese Masterpläne überformen städtische Territorien mit der Logik der Kriegsführung und führen letztlich zu einer zunehmend konfessionell segregierten Geografie. Diese Segregation existiert aber nicht nur in der planerischen Realität, sondern noch viel mehr in den Vorstellungen der Menschen: In der idealen Stadt wird religiöse Homogenität allgemein für erstrebenswert gehalten.

Welche Rolle spielt das Kartieren als Mittel der Sichtbarmachung in eurem Projekt?
Das Kartieren war unser Ausgangspunkt; es hat zu vielen weiteren analytischen Fragestellungen geführt. Vor der Arbeit an der Karte führten vor allem unsere persönlichen täglichen Erfahrungen der Stadt zur Sorge über die ständige Zunahme an Kontrollmechanismen in Beirut. Eine umfassende Methode der Datensynthese war nötig, um von diesen vereinzelten Beobachtungen zu einem allgemeinen Verständnis der komplexen raumdisziplinierenden Vorgänge zu kommen. Die Karte zeigt die konkret sichtbaren Sicherheitsaspekte, indem sie 1) die vielen Arten der Zugangsbeschränkung und ihre jeweiligen räumlichen Ausformungen im Strassenraum verzeichnet und 2) die physischen Elemente, die zum Einsatz kommen, mit einem figurativen Zeichensystem darstellt. Damit bleibt die Darstellung näher an der gelebten Erfahrung, die wir 
eigentlich hervorheben wollten.

Die Geschichte der Kartografie ist eng verknüpft mit der Geschichte der Kriegsführung, mit Herrschaftsansprüchen, Eroberungskriegen und Imperialismus. Wie können Karten dennoch als kritisches Mittel eingesetzt werden?
Karten sind machtvoll, da sie hinter einer scheinbar unparteiischen Maske operieren. Ihre geordneten Klassifizierungssysteme verbergen die soziale Dimension von Karten durch einen Prozess der Legitimierung und die Vortäuschung von Unvoreingenommenheit. Sie verschmelzen Politik und Territorium und produzieren Bilder, die perfekt als intellektuelle Machtapparate funktionieren. Aber die historische Rolle von Karten im Kontext von Imperialismus und Nationalstaaten wurde vor 
einiger Zeit von John Brian Harley und David Woodward neu aufgerollt, indem sie die 
behauptete Wissenschaftlichkeit der Kartografie in Frage stellten und den heute gängigen strukturalistischen Ansatz in die Kartografiegeschichte einführten.
Dieselben Konventionen der Kartografie werden heute von einer Reihe von Kartenproduzentinnen und -produzenten bewusst angewandt, um kritische Anliegen zu vertreten und den vorherrschenden Bildern der Welt alternative Sichtweisen entgegen zu setzen. Die zahlreichen Beispiele alternativer oder aktivistischer kartografischer Praxis stehen für das befreiende Potenzial von Karten.

Was habt ihr aus dem Zusammentragen und Kartieren all dieser Informationen gelernt? Welche neuen Einsichten habt ihr aus der Sichtbarmachung der räumlichen Zusammenhänge gewonnen?
Das Kartieren der zusammengetragenen 
Informationen führte zu einer ganzen Reihe von zuvor nicht nachweisbaren Erkenntnissen. Die wichtigste Erkenntnis war die Unterscheidung zwischen Sicherheitsmechanismen, die bestimmte Orte vor Kriminalität schützen sollen, und solchen, die der Aufstandsbekämpfung dienen. Letztere bringen verborgene Demarkationslinien zwischen politisch verfeindeten Gruppen an die Oberfläche und werden zu 
Indikatoren von Orten erhöhter Spannungen in potenziellen Konfliktgebieten.
Der konkrete Objektschutz scheint hingegen im Dienst zweier unterschiedlicher Personengruppen zu stehen: wichtige Politiker_innen sowie die Nutzer_innen kommerzieller Einrichtungen und luxuriöser Wohnanlagen. Der gleichzeitige Einsatz von privatem und öffentlichem Sicherheitspersonal ist eine andere 
Beobachtung, die die starke Koalition von Staat und Kapital sichtbar werden lässt und den offiziellen Gestus der kontrollierten Stadt in Frage stellt. Ausserdem offenbart die Kartierung eine ganze Reihe von Sicherheits-Hotspots in 
Beirut – in diesen Gebieten sind verschiedene Sicherheitsmechanismen miteinander verzahnt, die klar orchestrierte Abläufe festschreiben. Dies führt zu einer Lesart der Stadt, in der kaum ein Ort der exzessiven Überwachung und Kontrolle entkommt.
Was die Karte allerdings nicht darstellen kann, sind Gebiete in Beirut mit ähnlich beunruhigenden (wenn nicht noch schlimmeren) 
Sicherheitsszenarien, die aber nicht auf den sichtbaren Elementen beruhen, wie sie die 
Karte verzeichnet, sondern auf den Netzwerken sozialer Kontrolle. Diese halbautonomen Gebiete mussten wir textlich oder mit anderen visuellen Beiträgen darstellen. Letztendlich brauchen Karten immer auch textliche Beschreibungen.

Beirut – Mapping Security ist eine laufende Forschungsarbeit und zugleich der Titel einer Zeitungspublikation, die von Mona Fawaz, Ahmad Gharbieh und Mona Harb herausgegeben wurde; sie wurde innerhalb des internationalen Netzwerks DIWAN entwickelt und war Teil eines Beitrags zur Rotterdam Architektur Biennale. Karte: Mona Fawaz, Ahmad Gharbieh, Mona Harb and Nadine Beckdache.

 

 Grenzgeografien

Anke Hagemann: Könnt ihr kurz euer Projekt Grenzgeografien beschreiben?
Philipp Misselwitz und Tim Rieniets: Unser Projekt war auf Forschung ausgerichtet. Wir versuchten zu verstehen, wie sich Menschen an eine extrem segregierte städtische Umwelt anpassen und wie sie ihr alltägliches Überleben organisieren. Jerusalem war der ideale Untersuchungsort, um die Auswirkungen von Konflikten auf die Produktion und den Gebrauch städtischer Räume zu erforschen. Die Stadt 
Jerusalem befindet sich im Zustand der permanenten Zerstörung und Neuerfindung, sie ist eine Geisel politisch motivierter Planung, kollektiver Angst sowie physischer und mentaler Mauern, aber auch Ort des Widerstands, des individuellen Austauschs und der Grenzüberschreitungen.
Die komplexe Matrix aus Grenzen, Teilungen, Pufferzonen und Barrieren – physischen, mentalen, politischen, sozialen und kulturellen – ist nur im Ganzen lesbar, wenn Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Konfliktparteien ihre Fähigkeiten und Einsichten verfügbar 
machen, sowohl aus dem professionellen Bereich, als auch aus der Innensicht ihrer Alltagsrealitäten. Deshalb haben wir für unser Projekt einen trilateralen Rahmen geschaffen und israelische, palästinensische und internationale 
Akademiker, Praktiker und Studierende zusammengebracht.

Wie stellt ihr den Bezug zwischen bewaffnetem Konflikt und konkreten räumlichen Strukturen her? Wird der physische Raum durch den Krieg geformt, ist er selbst Ursache des Konflikts oder sogar ein Bestandteil der Kriegsführung?
Solange Jerusalem existiert, war die Stadt immer Ursache und Brutstätte, Ziel und Schauplatz von Auseinandersetzungen und Kriegen. Sie ist von enormer religiöser und kultureller Bedeutung und umkämpft von drei Weltreligionen. Während der letzten 80 Jahre hat sich besonders der Konflikt zwischen Juden_
Jüdinnen und palästinensischen Araber_innen, die beide seit Jahrhunderten eine emotionale und kulturelle Bindung zu der Stadt entwickelt 
haben, allmählich verschärft.
Deswegen können die Stadtstrukturen von Jerusalem nur vor dem Hintergrund des Konflikts entziffert werden. Nicht nur die grossmassstäbliche Stadtplanung wird von strategischen Motiven geleitet, auch bei individuellen raumrelevanten Handlungen – z.B. bei einer Wohnsitzentscheidung oder beim Bau eines Hauses – spielen Angst, Sicherheit und Kontrolle eine Rolle. Aber es ist schwierig, Architektur oder Städtebau nur als Ursache oder Folge von Konflikten zu interpretieren. Scheinbar banale zivile Gebäude und Infrastrukturen vereinen häufig beide Aspekte: Vorgeblich 
dienen sie dem Gemeinwohl, aber gleichzeitig verfolgen sie die Interessen einer bestimmten Zielgruppe, wie z.B. der israelisch-jüdischen Bewohner_innen der Stadt, und wirken diskriminierend und ausschliessend gegenüber anderen. Eine Strasse kann eine Verbindung und gleichzeitig eine Grenze sein. Eine Mauer kann einerseits gefühlten Schutz bieten und gleichzeitig sozioökonomische Netzwerke zerstören. Ein Park kann als öffentlicher Raum zum allgemeinen Vergnügen genutzt werden, oder auch als Abstandszone – und so weiter.
Diese doppelte Funktion des »städtischen Raums« lässt die Stadt verdächtig und unsicher erscheinen – man begegnet ihr mit Misstrauen und Voreingenommenheit. Wenn Architektur und Städtebau Gefahr laufen, zum Instrument eines Konflikts zu werden, dann kann man der eigenen Stadt nicht mehr trauen.

Könnt ihr beschreiben, wie Architektur und Städtebau zu einem Mittel der Machtausübung innerhalb des Konflikts geworden sind? Was sind die Folgen für das alltägliche Leben?
In Jerusalem sind Architektur und Städtebau nicht an eine Planungsagenda gebunden, die der gesamten Bevölkerung, das heisst israelischen und palästinensischen Einwohnerinnen und Einwohnern zugute kommt. In Abwesenheit dieser gemeinsamen Agenda versuchen beide Seiten, die gebaute Umwelt zu kontrollieren, um ihre eigenen Bedürfnisse gegenüber den anderen zu verteidigen. Stadtentwicklung ist hier kein langfristiger und demokratisch 
legitimierter Verhandlungsprozess sondern eine Abfolge von Aktion und Reaktion, die strategischen Interessen folgen.
Man muss dabei das Ungleichgewicht der Machtverhältnisse zwischen Israeli_innen und Palästinenser_innen berücksichtigen, welches zu einer Art asymmetrischer Kriegsführung geführt hat, die teilweise mit den Mitteln der Architektur ausgetragen wird. Die Israeli_innen haben die alleinige Kontrolle über formelle Planungsinstrumente, die sie ganz unverblümt für politische und militärische Zwecke einsetzen, mit dem Ziel, ihre langfristige Dominanz über das urbane Territorium zu sichern und die Stadt unteilbar zu machen. So wird die palästinensische Bevölkerung der Stadt mittels Wohnungsbau, Infrastrukturplanung oder Sicherheitsmassnahmen diskriminiert. Konkret reicht das Spektrum der diskriminierenden Planungsmassnahmen von einfachen Strassenblockaden, die die täglichen Wege der palästinensischen Bevölkerung einschränken, bis hin zum Siedlungsbau, der die palästinensischen Territorien langfristig und im grossen Massstab auseinanderreisst.
Auch für die Palästinenserinnen und Palästinenser, deren wichtigste und effektivste Waffe der zivile Widerstand ist, war das Bauen immer entscheidend. Allein das natürliche Wachstum der palästinensischen Bevölkerung führt zu einem grossen Flächenbedarf. Aber das Bauen in besonders sensiblen Gebieten ist gleichzeitig als Akt des Widerstands zu verstehen, als eine Aneignung von Raum, bevor es die anderen tun. Der schiere Umfang des palästinensischen Wohnungsbaus dominiert sichtlich die Metropolregion zwischen Ramallah und Bethlehem trotz aller israelischen Einschränkungsversuche.

Gibt es eurer Meinung nach eine direkte Verknüpfung von Architektur bzw. Planung und Gewalt?
Gewalt ist eine besondere Form der Machtausübung, die zur Durchsetzung ihrer Ziele die Schädigung oder Verletzung anderer in Kauf nimmt. In diesem Sinne könnte man auch 
Architektur und Stadtplanung in Jerusalem als Mittel der Gewaltausübung verstehen, da sie Teilen der palästinensischen Bevölkerung den Zugang zu ihren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Grundlagen nehmen. Sie sind eine Form struktureller Gewalt, die – wie im Falle der Mauer – als Schutzmassnahme gegen die physische Gewalt palästinensischer Extremist_innen begründet wird.
Der Unterschied zu anderen Formen struktureller Gewalt ist, dass Architektur und Stadtplanung nicht nur Lebensrythmus und Alltag bestimmen, sondern auch eine symbolische Form besitzen: Die physische Präsenz israelischer Siedlungen auf Hügelkuppen beispielsweise macht die Architektur zu einer allgegenwärtigen Machtdemonstration der Herrschaft und technologischen Überlegenheit.
Aber auch die informellen palästinensischen Siedlungen haben eine symbolische Wirkung und werden als Räume latenter Gefahr kolportiert. Ihre Unüberschaubarkeit gilt als Grundlage für palästinensischen Widerstand und Konspiration. Diese symbolische Wirkung der palästinensischen Siedlungsräume dient dem israelischen Militär als Rechtfertigung, um Gebäude und Infrastrukturen gezielt zu zerstören.

Kann ein Friedensprozess auf die räumlichen Strukturen einwirken, oder müssen sich zuerst die räumlichen Strukturen verändern, um eine friedlichere und gerechtere Entwicklung zu ermöglichen?
Es ist klar, dass sich die politischen Rahmenbedingungen in Jerusalem, die die herrschende Planungspolitik und die räumlichen Strukturen hervorbringen, radikal ändern müssen. Die Teilung der Souveränität über die Stadt ist unvermeidlich – zumindest für eine bestimmte Zeit – bis sich beide ethnisch-nationalen Gruppen wieder auf annähernd gleichem Niveau 
begegnen können. In den meisten Fällen hätte die formelle Wiederaufteilung der Stadt gar nicht so heftige Konsequenzen, da die Realität ohnehin seit langem eine fast vollständige Trennung geschaffen hat. Komplizierter ist die Frage der Neuverteilung der Kontrolle über die urbanen Territorien, um beide Hälften bewohnbar zu machen.
Das ist keine leichte Aufgabe, da sich in den vergangenen Jahrzehnten Ungleichheit und Exklusion fast unwiderruflich in den städtischen Raum eingeschrieben haben. Es gibt dennoch Wege, mit der extremen Segregation zu leben und sie sogar zu überwinden. Durch die Untersuchung sowohl der machtvollen Kräfte, die die Segregation herstellen, als auch der gleichzeitigen Widerstands-, Anpassungs- und Überlebensstrategien der Bewohnerinnen und Bewohner hat das Projekt Grenzgeografien folgendes sichtbar gemacht: Trotz der städtischen Segregationspolitik sind die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort viel komplexer. Wir haben analysiert, wie der kulturelle, soziale und ökonomische Austausch, der trotz aller Widrigkeiten immer noch stattfindet, in die Architektur der palästinensischen Dörfer und israelischen Siedlungen eingeschrieben ist.
Die Strukturen des Austauschs haben sich seit unseren Untersuchungen weiter ausgehöhlt, werden aber nie ganz verschwinden und bergen immer das Potenzial zu neuem Wachstum, sofern sich die politischen Rahmenbedingungen radikal ändern.

Ist die Beziehung zwischen dem Konflikt und den räumlichen Strukturen, die man am Beispiel Jerusalems studieren kann, 
aussergewöhnlich oder auch auf andere Kontexte übertragbar?
Der historische Hintergrund und die ethnisch-nationalen und religiösen Bedingungen in Jerusalem sind in vieler Hinsicht unvergleichbar und einzigartig; trotzdem entstehen in anderen städtischen Kontexten häufig ähnliche Architekturen und Raumtypologien.
Gegensätze und potenzielle Konflikte sind in jede Stadt eingeschrieben; sie liegen in der Natur des städtischen Miteinanders. Städte sind Ort und Gegenstand aller möglicher gesellschaftlicher Konflikte und politischer Kontroversen. Aber diese Konflikte sind nicht unbedingt gefährlich oder zerstörerisch. Stattdessen können sie als treibende Kraft begriffen werden, die ein Arsenal an Kulturtechniken der Konfliktvermeidung hervorgebracht hat – so z.B. Architektur und Stadtplanung. Städte haben das Potenzial, Konflikte zivilgesellschaftlich umzuwerten, wie Saskia Sassen es ausdrückt. Wenn aber eine städtische Gesellschaft – wie in Jerusalem – nicht in der Lage ist, gesellschaftliche und politische Konflikte in zivilgesellschaftliche Strukturen zu überführen, dann können städtische Räume auch nicht mehr 
integrieren, sondern dienen stattdessen der Durchsetzung von Einzelinteressen. Das Beispiel Jerusalem führt also nicht nur zu einem genaueren Verständnis des spezifischen lokalen Kontexts. Die Untersuchung der Extrembedingungen in Jerusalem kann auch dazu beitragen, städtische Entwicklungen an anderen Orten besser zu verstehen, wo das dynamische Verhältnis zwischen Konflikt und Raumproduktion weniger offensichtlich ist.

Wie habt ihr die Produktion von Karten in eurem Projekt eingesetzt?
In erster Linie haben wir Karten genutzt, um die räumliche Logik des israelisch-palästinensischen Konflikts zu analysieren. Wir waren 
besonders daran interessiert, die räumliche Gleichzeitigkeit und Wechselseitigkeit des Konflikt-Urbanismus darzustellen: Aktion und Reaktion, Angriff und Verteidigung, Inklusion und Exklusion.
Diese wechselseitigen Prozesse findet man auf allen Massstabebenen: in Siedlungsmustern und Architekturtypologien, in Strassennetzen und Grenzverläufen. Aber wir haben nicht nur die »harten Fakten« des Konflikt-Urbanismus kartiert, sondern auch versucht, seine »weichen« Erscheinungsformen wie zum Beispiel Geräusche oder Licht zu erfassen. Die sinnlichen Eigenschaften des Raums, die Geografen und Kartografen normalerweise ignorieren, werden damit sichtbar und erscheinen plötzlich als räumliche Gegebenheiten des Konflikts.
Gleichzeitig haben wir die Kartenproduktion als Instrument der Vermittlung zwischen 
Israeli_nnen und Palästinenser_innen benutzt. Normalerweise sind Karten »scharfe Waffen« im israelisch-palästinensischen Kampf um räumliche Hegemonie. Deswegen produzieren alle beteiligten Parteien – Israelis, Palästinenser und NGOs – eifrig Karten, um die Deutungshoheit über den Raum zu gewinnen.
In unserem Projekt forderten wir israelische und palästinensische Studierende jedoch dazu auf, gemeinsam Karten von Ost-Jerusalem zu produzieren. Trotz ihrer unterschiedlichen Standpunkte mussten sie einen Konsens über die kartografische Darstellungsform des umkämpften städtischen Raums finden.

Wie ist es möglich, dass Karten, die meist Ausdruck einer machtvollen Sichtweise auf ein Territorium sind, zu einem kritischen Werkzeug werden?
Karten dienten immer dazu, Macht zu gewinnen und auszuüben. Bis heute sind die modernen Techniken der Landvermessung und Kartografie Gegenstand nationaler und militärischer Sicherheit. Darum macht man sich besonders in Konfliktgebieten wie Israel / Palästina verdächtig, wenn man urbane Räume beobachtet und kartiert. Selbst in einer westeuropäischen Stadt wie London – wo Selbsmordanschläge 
am 7. Juli 2005 die Stadt erschütterten – warnt die Polizei vor Verdächtigen, die den städtischen Raum erkunden.
Kartografie kann nur zu einem kritischen oder friedlichen Werkzeug werden, wenn sie als Teil demokratischer und partizipativer Prozesse begriffen und praktiziert wird. Vielleicht ist die wachsende Beliebtheit von interaktiven webbasierten Geo-Tools wie Wikimapia und Openstreetmap, oder der zunehmende private Gebrauch von GPS-Applikationen ein Schritt in diese Richtung. Solche Technologien haben bereits jetzt die Nutzung kartografischer Informationen revolutioniert. Sie ermöglichen einer wachsenden Zahl von Menschen, räumliches Wissen selbst zu generieren und anderen zur Verfügung zu stellen. Einige nutzen diese neuen Möglichkeiten auch zur kritischen Untersuchung des Raumes: Online-Gemeinschaften, Aktivisten und NGOs nutzen diese Technologien, um ökologische Probleme, Abrisse von Slums oder andere geopolitische Inhalte sichtbar zu machen. Natürlich sind auch diese Beispiele immer noch in der hierarchischen Struktur des Kartierens gefangen, die zwischen Experten und Laien oder zwischen Produzenten und Benutzern unterscheidet. Aber neue Technologien wie das Air Tagging (so wird eine Technologie genannt, die es erlaubt, digitale Botschaften an bestimmten Orten zu hinterlegen, die dort von anderen Nutzern wieder abgerufen werden können) können diese Hierarchien weiter auflösen und neue Formen des Kartierens hervorbringen, die völlig dezentral und partizipativ angelegt sind. Wenn diese Technologien von vielen Menschen genutzt würden, könnte das alte Machtmonopol der Kartografie vielleicht aufgebrochen werden.

Grenzgeografien ist eine Plattform für interkulturelle Forschung, Publikationen und öffentliche Diskussion, die 2003 von Philipp Misselwitz und Tim Rieniets gegründet wurde. Bis 2006 fanden Studien in Jerusalem und Berlin statt, die internationale Institutionen, Wissenschaftler_innen, Architekt_innen, Künstler_innen und Studierende zusammenbrachten. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Publikation City of Collision: Jerusalem and the Principles of Conflict Urbanism (Birkhäuser, 2006).

 

Autorin

Anke Hagemann (*1974, lebt und arbeitet in Berlin) studierte Architektur in Berlin, ist Gründungsmitglied der Zeitschrift An Architektur, war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungs- und Kulturprojekt Schrumpfende Städte / Shrinking Cities sowie im Bereich Architekturtheorie am Institut gta der ETH Zürich. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Masterstudiengang Urban Design an der HafenCity Universität Hamburg. In freien Projekten beschäftigt sie sich mit der Erforschung und Visualisierung räumlicher Konstellationen und den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Produktion.

-->