Gewalt, Angst und Politik


PDF-Version

»Nur ein winziges Ziehen«– Wie Stephan Thome im Roman »Grenzgang« strukturelle Gewalt greifbar macht
Von Adrian Wettstein, Basel


Share

Wer direkt von Gewalt betroffen ist, dem/der vergeht oft Hören und Sehen, wie schon das Sprichwort sagt. Wenn jemand dem eigenen Körper zu nah kommt und ihn verletzt, ist das eine Grenzüberschreitung, die ihre Opfer oft sprachlos zurücklässt. Gewalt kann gravierende Auswirkungen haben, bis hin zu einer Erschütterung des Grundvertrauens in die soziale Welt. Erst aus der Distanz lässt sich wieder Fassung gewinnen, lässt sich auch versuchen, das jählings Geschehene zu verstehen.1 Wissenschaftliche Untersuchungen über Gewalttaten – etwa in der Soziologie und Ethnologie – abstrahieren vom Einzelfall und versuchen, Gewalt aus einer unpersönlichen Sicht zu verstehen.

Gewalt erscheint aus diesem Blickwinkel nicht primär als unfassbarer Schock, sondern vielmehr als eine symbolische Handlung.2 Durch die distanzierte Brille der Wissenschaft kann man Gewalt als bedeutungsvollen nonverbalen Ausdruck interpretieren, dem eine soziale Funktion zukommt. Wird dabei aber nicht ausser Acht gelassen, dass Gewalt aus der subjektiven Perspektive der Betroffenen auf ganz eigentümliche Weise erfahren wird? Kann vielleicht das Medium Literatur das Thema Gewalt angemessener reflektieren?

Es geht dabei aber nicht um Gewalt in ihrer ganzen Bandbreite, sondern nur um eine Form davon, nämlich um strukturelle Gewalt. Das Phänomen kann folgendermassen umrissen werden: Strukturelle Gewalt liegt vor, wenn das Wohlergehen einer Gruppe von Menschen durch gesellschaftliche Strukturen systematisch behindert oder gar verunmöglicht wird. Strukturelle Gewalt ist also relational: die Benachteiligungen wirken nur auf bestimmte Menschen, auf andere nicht. Ungerecht ist sie aber noch stärker in einer absoluten Hinsicht: sie behindert ein gutes Leben, das jedem Menschen bedingungslos zusteht. Während physische Gewalt meist eine Bedrohung von Leib und Leben ist, hat strukturelle Gewalt eine grössere Bandbreite von Angriffspunkten – sie kann alle Bereiche betreffen, die essentiell zum menschlichen Wohlergehen gehören. Dazu gehören etwa die Fähigkeit, andere Personen zu lieben, Gelegenheit zu sexueller Befriedigung zu haben, sich auf verschiedene Formen familiärer und gesellschaftlicher Interaktion einlassen und dabei Anerkennung und Respekt erfahren zu können, die Möglichkeit zu haben, das eigene Leben zu reflektieren, Lebenspläne zu entwerfen, ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Eine relativ konkret ausbuchstabierte Liste davon, was ein gutes Leben ausmacht, findet man z.B. bei Martha Nussbaum.3

Während physische Gewalt durch mechanische Kraftanwendung ausgeübt wird, wirkt strukturelle Gewalt durch verschiedenartige gesellschaftliche Normen. Diese können in Form von Gesetzen explizit vom Staat verordnet und mit entsprechender Sanktionsmacht verbunden sein. Sie können aber auch weniger explizit in sozialen Konventionen, Regeln und Codes Ausdruck finden. Physische Gewalt ist augenfällig, stukturelle Gewalt kann hingegen oft nur mit Mühe aufgedeckt werden. Wenn das eigene Leben in den oben genannten Bereichen verletzt wird, ist das oft auch für die Betroffenen selbst nicht sofort erkennbar. Strukturelle Gewalt kann z.B. in Normen stecken, mit denen man vom Kindesalter an sozialisiert wird und die man deshalb für selbstverständlich hält. So kann bereits die Sprache unhinterfragte Gewaltstrukturen weitergeben und aufrecht halten. Oder neue Gewaltformen können sich schleichend durch kaum beachtete kleine Veränderungen einstellen. Ein wichtiger erster Schritt zur Gegenwehr besteht deshalb darin, strukturelle Gewalt in alltäglichen Situationen überhaupt als solche zu erkennen.

Die Darstellung struktureller Gewalt im Roman

Ein zeitgenössischer Roman, der sich intensiv mit den Phänomenen der strukturellen Gewalt auseinander setzt, ist »Grenzgang« von Stephan Thome.4 In der fiktiven mittelhessischen Ortschaft Bergenstadt bewegt sich nur alle sieben Jahre etwas, wenn Grenzgang ist. In den Jahren dazwischen geht das Leben seinen behäbigen Lauf. Die Tradition des Grenzgangs ist keine Fiktion, sie wird in zahlreichen Gemeinden Westfalens und Hessens (Schnadegang) sowie in der Nordwestschweiz (Banntag) gepflegt. Bei diesem – meist den Männern vorbehaltenen Anlass – werden die Grenzen der Gemeinde abgelaufen und kontrolliert. Dabei tragen die Männer in manchen Ortschaften auch heute noch Waffen.

Der Grenzgang ist ein Ritual, das die Zugehörigkeit und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft durch eine Abgrenzung gegen Aussen festigen soll. In der modernen Zeit hat sich der Grenzgang zu einem Volksfest mit Autoscootern, Festzelt und Humpa Humpa Musik gewandelt. Gleichwohl kommt im Roman von Stephan Thome dem Grenzgang immer noch eine derartig grosse gesellschaftliche Bedeutung zu, dass sich diesem Ereignis kein_e Bergenstädter_in entziehen kann. Der Zyklus des Grenzgangs gliedert den Lebensfluss der Stadtbewohner_innen und prägt Muster – ähnlich wie die Ringe eines Baumes, die bei einem Querschnitt sichtbar werden. Anschaulich wird das etwa bei den gesammelten Fotos, welche die Bäckersfrau Anni Schuhmann in ihrem Treppenhaus aufgehängt hat. Ein paar Geburten und Hochzeiten sind abgelichtet, den weitaus grössten Raum nehmen aber Fotos vom Grenzgang ein. Wer die Treppe hinaufsteigt, kann auf dieser Fotostrecke ein Leben in Siebenjahresschritten nachvollziehen. Die Grenzgänge sind Marksteine für die Erinnerung, gelegentlich auch Katalysatoren für neue Lebensprojekte. Der Autor Stephan Thome fokussiert seine Erzählung auf die Zeitabschnitte rund um den Grenzgang, allerdings nicht streng chronologisch, sondern mit Siebenjahresstiefeln vor- und zurückspringend.

Der Grenzgang struktruriert nicht nur die formale Konstruktion des Romans, sondern stellt auch ein inhaltlich bedeutsames Symbol dar. Auf den ersten Blick scheint der Grenzgang ein harmloses Volksfest zu sein. Aber nicht nur seine historischen Wurzeln weisen eine gewalttätige Dimension auf; der Grenzgang ist bis heute ein Ritual, das die Grenzen der Gemeinschaft festlegt und normativ bestärkt. Wer dazu gehören will, muss an dem Ritual teilnehmen und sich seinen expliziten und ungeschriebenen Regeln unterwerfen.

Der Grenzgang ist nicht nur eine an die umliegenden Gemeinden gerichtete Gewaltdemonstration, sondern vor allem auch eine unausgesprochene Drohung nach Innen: wer nicht mitläuft, kann aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Das kann sogar dazu führen, dass die Gemeinschaft Ansprüche stellt, die den eigenen Lebensplänen entgegenstehen. Eine Figur im Roman zieht daraus den fatalistischen Schluss: »Sie hatte keine Wahl, sie konnte nur mitmachen« (348). Dieses Spannungsverhältnis steht exemplarisch auch für das Phänomen struktureller Gewalt und durchzieht den ganzen Roman.

Eine Art Selbstbestimmung gegen den eigenen Willen

Gemeinsam ist den beiden Hauptfiguren des Romans, dass sie nie vorhatten, in einer Provinzstadt wie Bergenstadt zu leben. Während Thomas Weidmann hier aufgewachsen ist und diesem Nest entfliehen wollte, hat es Kerstin Werner wegen eines Mannes hierher verschlagen. Auch wenn das schon sehr viele Jahre her ist, ist sie immer noch eine »Zugezogene«. Beide Protagonist_innen sind mit Mitte vierzig »zu jung, um alt zu sein, aber zu alt, um sich jung zu fühlen« (233). Kerstin Werner hat Sport studiert mit dem Schwerpunkt Tanz. Ihr Traum war es, ein eigenes Tanzstudio zu leiten. Diese Ambitionen sind in weite Ferne gerückt, nachdem sie den Anwalt Jürgen Bamberger geheiratet, mit ihm ein Haus in Bergenstadt gebaut und einen Sohn gross gezogen hat. Sie gab dafür ihren Freundeskreis und ihre Arbeitspläne auf. Schon während der Ehe wurde es ihr manchmal schwindlig, wenn sie sich den Grad ihrer Abhängigkeit von Jürgen vor Augen führte.

Nachdem ihr Mann sie wegen einer jüngeren Frau sitzen liess, hat sich diese Abhängigkeit noch vergrössert. Kerstin lebt von seinen Alimenten. Wenn der Gesetzgeber beschliesst, die »Zumutbarkeitsgrenzen« für Alimenten-Bezüger_innen zu verschieben, indem er die »nacheheliche Eigenverantwortung stärkt« (142), und damit eine »Gerechtigkeitslücke« (95) zugunsten von »Zweitfamilien« (51) schliesst, ist sie machtlos. Dabei kann Kerstin gar nicht arbeiten gehen, weil sie praktisch rund um die Uhr ihre demenzkranke Mutter betreuen muss. Ihr Bruder Hans hat als Arzt für so etwas keine Zeit. Es scheint also nahe zu liegen, dass sie als Frau ohne Beruf sich um diese Aufgabe kümmert. Immerhin kann sie ihre Mutter offiziell als »erheblich oder schwer pflegebedürftig« (249) deklarieren lassen, woraufhin sie denn vom Staat ein kleines Entgelt für ihre Pflegetätigkeit erhält. Immer wieder hat Kerstin Werner ihre eigenen Lebenspläne zurück gesteckt und sich statt dessen auf weit reichende Verpflichtungen eingelassen, die ihre Umgebung von ihr erwartete. Finanziell kommt sie zwar geradeso über die Runden, ist aber abhängig von ihrem Ex-Mann und dem Pflegeentgelt – und steht dabei stets unter Verdacht, nur auf der faulen Haut zu liegen, statt zu arbeiten. Viele Erwartungen und Verantwortlichkeiten, die ihr von Aussen auferlegt werden, hat sie internalisiert und in kreisenden Gedankengängen oft zu Selbstanklagen gesteigert. Da sie für ihre selbstaufopfernden Arbeiten nie irgendwelche Anerkennung erhalten hat, beginnt mit der Zeit ihr eigener Respekt vor sich selbst brüchig zu werden. Selbst über ihre Mutterrolle beginnen Zweifel an ihr zu nagen. Obwohl sie sich zehn Jahre lang mit liebevoller Hingabe um ihren Sohn Daniel gekümmert hat, ist er zu einem Teenager geworden, der kaum mit ihr spricht und höchstens von Zeit zu Zeit »als eine Art Praktikant am Familienleben teilnimmt« (245). Was hat sie Daniel mit ihrer gescheiterten Ehe aufgebürdet, wie sehr beeinträchtigt dieses »Dasein als Verschiebemasse« (99) sein zukünftiges Leben? Das Bewusstsein der grossen Verantwortung führt zu Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und schliesslich zu Scham (371). Auch als Kerstin nach langen Jahren wieder einmal eine Gelegenheit zu einem Rendezvous wahrnimmt – ihre Mutter ist für eine medizinische Abklärung einige Tage im Krankenhaus – nagen bald darauf schon die Selbstzweifel an ihr. War es richtig, ihrer sehnsüchtigen Neugierde für diesen Mann nachzugeben, während sich die Verfassung ihrer Mutter im Krankenhaus jederzeit verschlechtern könnte? Kerstin fällt schliesslich ein Grundmuster auf, nach dem sich ihr Leben schon so lange vollzieht: »Eine Art Selbstbestimmung gegen den eigenen Willen, im Kleinen wie im Grossen. Sie hätte was Helleres anziehen können, zum Beispiel, hat sich aber nicht getraut. Hätte sich nicht so einengen lassen sollen von den Bedenken und Ansprüchen anderer, sondern mehr ihren eigenen Bedürfnissen folgen. Hat sie aber nicht« (438).

 Ein Leben im Provisorium

Auch Thomas Weidmann erreicht lange Zeit nicht den Grad an Selbstbestimmung, der ihm ein glückliches Leben ermöglichen würde. Er analysiert sein eigenes Leben einmal folgendermassen: »Ihnen stösst etwas zu, und statt sich dagegen zu stemmen, geben Sie der Veränderung nach, folgen ihr noch ein Stück weiter, als Sie gezwungen worden sind. Letztlich ein Versuch, die Hoheit über das Geschehen zurückzugewinnen, weil Sie am Ende an einem Punkt landen, zu dem Sie aus freien Stücken gelangt sind« (188). Weidmann hat in Berlin promoviert und wollte Historiker werden. Mit seiner Habilitation ist er allerdings gescheitert, weil er sich zu weit von den Vorstellungen seines Professors entfernt hatte, woraufhin dieser seine Macht ausspielte und die Arbeit als qualitativ schlecht darstellte. Weidmann wurde aus dem distinguierten Kreis der Akademiker ausgeschlossen.

Die Antwort seiner damaligen Freundin Konstanze: »Sei ein Mann!« (39) war nicht besonders erbaulich. Konstanze konnte nicht begreifen, wie schwerwiegend es für ihn war, dass sein Lebensentwurf unwiderruflich auseinander gebrochen war. Sie dachte pragmatisch, ganz im Sinne gängiger ökonomischer Maximen: »Du kannst ebenso gut was anderes machen« (78). Das stimmte nicht. Zwar musste er schliesslich gezwungenermassen etwas anderes machen – er kehrte zurück nach Bergenstadt und wurde Lehrer im Gymnasium – es war für Thomas aber nicht ebenso gut. Schliesslich betrachtete er die Arbeit bisher als einen grundlegenden Teil seiner Identität.5 In Bergenstadt fühlt er sich zwar nicht ganz unwohl. Aber auch nach Jahren hat er noch Mühe damit, sich selbst als Lehrer in seiner provinziellen Heimatstadt zu begreifen. Gleichzeitig ist er aber auch desillusioniert und hat keine Kraft, noch einmal einen ehrgeizigen identitässtiftenden Versuch zu starten, der scheitern könnte. Seinen Vater hatten die Traditionen des Kleinstadtlebens mit Sinn und Glücksgefühlen erfüllt. Er ging in dieser Gemeinschaft auf, das war seine Welt. Für Thomas ist das anders, er verfolgt das gesellschaftliche Treiben mit einem Anflug von Zynismus vom Rande her. Eigentlich möchte Thomas vor der Einsamkeit flüchten, weiss aber nicht so recht wohin. Seit der Trennung von Konstanze sieht er in den Blicken der Bergenstädter_innen immer wieder die deutliche Frage auftauchen: »Wie kann es nur sein, dass ein solcher Mann…?« (88)

Thomas würde gerne eine Liebesbeziehung eingehen, was sich allerdings in Bergenstadt als schwierig herausstellt. In der Kleinstadt kennt jeder jeden, weiss über das intime Privatleben anderer Bescheid. Und Thomas steht als Lehrer unter besonderer Beobachtung. Eine Annäherung an eine Frau ist ohne öffentliches Aufsehen zu erregen eigentlich nur am Grenzgang möglich. So kommt er zu dem Schluss, dass Bergenstadt »einem alleinstehenden Mann über vierzig leider keine Möglichkeit bereithält, ein Sexualleben zu führen, das den Namen verdient.« (231) Aus diesem Grund lässt sich Thomas ohne grosse Lust auf Internetbekanntschaften ein, auf zeittypisch oberflächliche »secondhand-Affären« (369). Auch wenn bei einem solchen Unternehmen stets das schamvolle Bewusstsein da ist, dass ganz Bergenstadt mit dem Finger auf ihn zeigen und über ihn sprechen würde, falls die zum Teil etwas abenteuerlichen One Night Stands auffliegen würden. Er rechnete nie ernsthaft damit, auf diesem Weg die Liebe des Lebens zu finden. Thomas hat »über Jahre hinweg die Fähigkeit perfektioniert, sich nicht zu verlieren, sondern neugierig zu sein. Aufmerksam, sprungbereit und unsentimental.« (322) »Meistens schlägt die Erwartung in Ernüchterung um wie ein aus dem Wind gedrehtes Segel. Alles in allem ist es ein Spiel für Verlierer.« (163) So dass er schliesslich in Frage stellt, ob er sich an dem Liebesspiel überhaupt noch beteiligen soll. Von Aussen betrachtet geht es Thomas zwar ganz gut. Ihm wurde angeboten, stellvertretender Schulleiter des Städtischen Gymnasiums zu werden. Er fürchtet allerdings, hier »einzugehen«. Er lebt ein »Leben im Provisorium« – ohne zu wissen, auf was er eigentlich wartet. »Er fühlt sich nicht müde, nur leer. Was man gemeinhin ›finanzielle Vorteile‹ nennt, hat für ihn keine Bedeutung. Was einmal Bedeutung gehabt hat, ist aus seinem Leben verschwunden, und dann ist es in Sackgassen auch nicht sonderlich wichtig, wie schnell man vorankommt. Soll lieber einer den Posten übernehmen, dessen Kinder studieren. Jemand mit Perspektiven, wie man so sagt, und einem noch nicht angekränkelten Begriff von Zukunft. Nicht er.« (354) Aus dieser Perspektivlosigkeit folgt ein Unwohlsein, das sich gar nicht so leicht zu erkennen gibt: »Es ist irritierend, unter etwas zu leiden, das keinen Schmerz verursacht. Nur ein winziges Ziehen, ein sanfter Druck, der sich kaum lokalisieren lässt und den jede Aktivität umgehend zum Verschwinden bringt. Aber in den Pausen ist er da. Immer« (160).

Das Gewaltsame darstellen und erfahrbar machen

Wer diese kurze Nacherzählung liest, denkt sich vielleicht, dass das Geschehen des Romans ziemlich alltäglich ist, dass Kerstin Werner und Thomas Weidmann keine aussergewöhnlichen Lebensverläufe haben, keine Härtefälle sind und eventuell auch kein grosses Mitleid verdienen. Ruft man sich die Charakteristika struktureller Gewalt in Erinnerung, ist diese Reaktion nicht verwunderlich. Viele Formen struktureller Gewalt sind uns aus dem Alltag vertraut und erregen kein besonderes Aufsehen. Der Roman rückt solche Phänomene durch pointierte Formulierungen und ausführliche Schilderungen ins Bewusstsein.

Anhand lebendiger Situationsbeschreibungen veranschaulicht er den Leser_innen das Geschehen aus der Perspektive der Figuren anschaulich. Strukturelle Gewalt ist dabei inhaltlich sehr präsent. Zudem verstärkt die formale Anlage der Erzählung das Gewicht des Themas. Literarische Texte verfügen über eine Vielfalt ästhetischer Gestaltungsmittel, durch die bestimmte Phänomene besonders hervorgehoben und den Leser_innen ins Bewusstsein gebracht werden können. Durch das ständige Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Lebensabschnitten werden diese angeregt, sich darüber Gedanken zu machen, weshalb das Leben der Protagonist_innen stagniert und sie an jedem Grenzgang den Eindruck bekommen, »als hätte ihr Leben in der Zwischenzeit keine grundlegende Wandlung durchgemacht« (347). Zu einem grossen Teil sind dafür verschiedenartige externe Ansprüche verantwortlich, die sie daran hindern, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich in ihren eigenen Projekten zu verwirklichen. Zum Teil verstärken sich die verschiedenen Verletzungen gegenseitig – so ist Kerstin Werner struktureller Gewalt als Frau, als Geschiedene, als Zugezogene und als Arbeitslose ausgesetzt, was sie in eine Haltung konstanter Defensive drängt. Den beiden Figuren Kerstin und Thomas geht es zwar nicht extrem schlecht. Sie kommen über die Runden, sowohl finanziell wie auch im Hinblick auf ihre Seelenlage. Und doch sind da erhebliche Defizite, die für Kerstin und Thomas selbst nicht immer leicht auszumachen sind. Es fehlt ihnen an Wohlbehagen, Befriedigung, Lebenslust – statt dessen herrscht Leere, Antriebslosigkeit, Stagnation. Zusammen mit den Protagonist_innen werden die Leser_innen gewahr, wie drückend diese Aussicht auf ein verfehltes, sinnloses Leben ist.

Der Roman »Grenzgang« von Stephan Thome ist ein gelungenes Beispiel für die eindringliche Darstellung struktureller Gewalt in literarischen Texten. Es liessen sich in der zeitgenössischen Literatur mit Leichtigkeit weitere Texte finden, die sich intensiv mit diesem Problemfeld beschäftigen. Ein Vorteil der Literatur ist, dass sie die Leser_innen anregt, das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Sie lädt sie einerseits ein, sich die Ereignisse aus verschiedenen subjektiven Perspektiven zu vergegenwärtigen, bietet andererseits aber auch die Möglichkeit, sich über die fiktive Geschichte in kritischer Distanz damit auseinanderzusetzen. Der Roman »Grenzgang« zeigt auf, dass eine solche Vermittlung gerade bei dem Phänomen der strukturellen Gewalt bedeutsam ist. Schaut man von Aussen auf das Leben von Thomas Weidmann und Kerstin Werner, gerät man leicht in Versuchung, die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, zu verharmlosen. Schlüpft man jedoch beim Lesen in ihre Haut, erlebt man mit, wie gravierend die Konsequenzen der strukturellen Gewalt für das Leben der beiden Protagonist_innen sind. Und man kriegt zu spüren, wie schwierig es für sie als Betroffene ist, Verletzungen von Aussen und eigenes Verschulden auseinander zu halten.

Natürlich gelingt es nicht allen Texten gleich gut, eine ausgeglichene und kritische Sichtweise auf bestimmte Themen zu vermitteln. Packend geschriebene Romane insbesondere der Populärliteratur stellen Gewaltakte oftmals als etwas Schillerndes und Faszinierendes dar, ohne die Leser_innen zwischendurch wieder zu distanzieren und auch die Perspektive von Betroffenen adäquat zu vergegenwärtigen. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass die altbekannte Diskussion, ob das imaginative Durchspielen von Gewaltszenen in der Literatur eher positive oder negative Auswirkungen nach sich ziehe, immer wieder neu geführt wird.6 Stephan Thomes Roman »Grenzgang« schafft es aber tatsächlich, die Leser_innen für die komplexe Problematik der Gewalt zu sensibilisieren und zur Reflexion anzuregen.

Da strukturelle Gewalt nicht direkt kausal wirkt wie physische Gewalt und in unterschiedlich starken Normen festgeschrieben ist, bestehen ihr gegenüber eventuell mehr Spielräume zum aktiven Widerstand. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass eine solche Gegenwehr einfacher wäre. Im Roman wird an verschiedenen Stellen angedeutet, dass Thomas und Kerstin tatsächlich Möglichkeiten haben, den Phänomenen, die ihr Leben einschränken, etwas entgegen zu setzen. Es ist aber nicht das Hauptanliegen des Textes, konkrete Wege der Selbstbefreiung aufzuzeigen. Vielmehr geht es darum, die Probleme zunächst einmal anschaulich darzustellen und greifbar zu machen. Und das ist gerade beim Problem der strukturellen Gewalt eine wichtige Leistung.

 

Autor

Adrian Wettstein (*1979, lebt und arbeitet in Basel) studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Basel und Wien. In der Abschlussarbeit hat er die Frage untersucht, ob die Lektüre von Romanen die Urteilskraft schulen kann. Zurzeit verfasst er im Rahmen des Schweizerischen Nationalfonds Projektes Fiktion und Emotion eine Dissertation über die Rolle, welche Literatur in der Ausbildung unseres Gefühlslebens spielt. Wettstein schreibt regelmässig Kritiken über Filme und Literatur in u. a. Plebs, Netzmagazin, Nahaufnahmen, Juli.

Literaturliste

Der Roman »Grenzgang« von Stephan Thome ist 2009 im Suhrkamp Verlag erschienen.

Fussnoten

1 Liebsch, Burkhard & Mensink, Dagmar (Hrsg.) (2003): Gewalt Verstehen. Berlin. Akademie Verlag. S. 7–20.
2 Blok, Anton (2000): The Enigma of Senseless Violence. In: Aijmer, Göran & Abbink, Jon (Hrsg.): Meanings of Violence. Oxford. Berg Verlag. S. 23–38.
3 Nussbaum, Martha (1998): Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit. In: Steinfath, Holmer: Was ist ein gutes Leben? Frankfurt a.M. Suhrkamp Verlag. S. 196–234.
4 Thome, Stephan (2009): Grenzgang. Frankfurt a.M. Suhrkamp Verlag. Zitate aus diesem Roman werden jeweils im Fliesstext in Klammern ausgewiesen.
5 Zum Zusammenhang von Gewalt und Identität: Chambers, Helen (Hrsg.) (2006): Violence, culture and identity. Oxford. Peter Lang Verlag.
6 Pethes, Nicolas (2009): Sublimierung, Zensur, Simulation. In: Bergengrün, Maximilian (Hrsg.): Bann der Gewalt. Göttingen. Wallstein Verlag. S. 321–360.

-->