Cinémathèque Respektive


PDF-Version

»Niu pi« von Jiayin Liu – Die Grösse des Kleinsten und Unscheinbarsten
Von Lukas Germann


Share

»China Independent« heisst die Filmreihe, die im Zürcher Filmpodium ab Mitte Februar zu sehen sein wird. Einen Film dieser Reihe sei im Folgenden ganz besonders empfohlen: »Niu pi« von Jiayin Liu. Folgender Text in ein leicht abgeänderter Auszug aus der im Januar 2013 eingereichten, noch unveröffentlichten Dissertation des Autors zum Revolutionären Potential filmischer Ästhetik.

Manchmal macht gerade der Mut, auf das Spektakel zu verzichten, ein Kunstwerk aus: auf das zu vertrauen, was in minimalster Differenz zum Gewöhnlichsten und Alltäglichsten einen Ausdruck entfaltet, der nur sich selbst ohne allen Schmuck und Lärm, aber ohne Wenn und Aber vorzuweisen hat. In der Reduktion auf das Unverzichtbare, das oft das Kleine und Unscheinbare ist, geht dann in ihrer ästhetischen Inbetrachtnahme plötzlich das Ganze einer Welt auf, deren Erfahrung uns aus dem normalrealen Gang unserer Wahrnehmungsweisen katapultiert.

»Niu pi« – oder »Kuhhaut«, wie der Film in der deutschen Übersetzung heisst – ist ein solches Kunstwerk. Der Erstling der jungen Chinesin Jiayin Liu zeigt Alltagsszenen aus dem Leben einer chinesischen Familie, die eine kleine Gerberei unterhält: Mutter, Vater und erwachsene Tochter. Die »Schauspieler_innen« sind Jiayin Liu selbst sowie ihre Eltern. Nicht nur das Lederwarengeschäft, sondern auch die Filmproduktion hat so den intimen Rahmen eines kleinsten Familienunternehmens, was ihre Stimmung mitprägt. Formal besteht der Film aus 25 unbeweglichen Einstellungen, die das Geschehen, das der Plot erzählt, nur teilweise oder gar nicht ins Bild bringen. Der Kamerablick ist stets in nahen Kadrierungen auf Gegenstände, den Boden, eine Wand etc. gerichtet, so dass das Kader ein kleiner Ausschnitt ist, in dem keine ganze Person Platz findet. »Kuhhaut« übt so einen radikal asketischen Blick ein, der sich ganz im beharrenden Fokus auf das Kleine und Unscheinbare genügt. Der Filmblick nimmt sich extrem zurück, aber nicht im Sinne einer Distanzwahrung, sondern einer radikalen Askese in der Nutzung seiner Möglichkeiten. Er unterwirft sich selbst einer strikten Methode, unter der die im Filmbild erscheinenden Gegenstände eine enorme Eigenwertigkeit erfahren.

In den fixen  nahen Einstellungen werden Räume geschaffen, die zugleich dadurch geöffnet bleiben, dass wir meistens nur eine Person im Bild sehen, während sich viel des Geschehens bloss hörbar im Hors-Champ abspielt. Die einfachen Gegenstände, die wir in diesen Bildern sehen, sind nicht symbolisch zu verstehen, sie verweisen nicht auf etwas Umfassenderes, ihre Bedeutung entspringt aus ihrer Präsenz, die genau betrachtet wird. In den engen Kadern manifestiert sich das Kleine, ohne vom Grossen berührt zu werden. So beansprucht es das Ganze. In der Bescheidung des filmischen Blicks auf das Kleine liegt nicht nur eine sehr subversive Haltung gegenüber dem Spektakel des Bewegungsbildes – das im Mainstream-Kino ungebrochen herrscht und sich alles unterwirft –, sondern auch die unbescheidene Utopie einer sich vom Kleinen herleitenden Ordnung des Films und der Wirklichkeit. Die kleinen, banalen Gegenstände in ihrer physisch erscheinenden filmbildlichen Präsenz entwickeln ihre ganz eigene Drastik. Sie liegen im toten Winkel des normalrealen Raums wie des allgemeinen Zeitkontinuums, dessen Ausschuss sie sind, aus dem heraus sie ins Bild fallen, das ihrer gewahr werden lässt. Die doppelte Zeitlichkeit des Abfalls – eine aufgestaute Zeit (das Abgetragene von gestern) und eine autonom-träge (das Nicht-mehr-Gebrauchte wird weitergereicht) – teilt sich den Bildern mit. Diese Zeitlichkeit läuft ausserhalb des allgemeinen Kontinuums und doch parallel dazu, drosselt dessen Geschwindigkeit, beharrlich, störend und wird überaus sprechend. Das Alltägliche verliert seine unbemerkte Selbstverständlichkeit und gewinnt – drastisch – die Qualität des Realen zurück: die Eigenschaft, zu begegnen. Die so aufgehende Realität des Kleinen ist das Gegenteil einer behaglichen Bescheidung im Kleinen. In ihr liegt das egalitäre Prinzip eines Anrechts auf die gleiche Grösse noch des Kleinsten, die als radikale Forderung und als Kritik des Tatsächlichen, das das Kleine klein hält, auftritt. Liu hat mit »Kuhhaut« nichts Geringeres als einen möglichen Ausgangspunkt für ein neues Kino der materiellen Wirklichkeit geschaffen.

Das Filmpodium Zürich bietet im Februar die seltene Gelegenheit, den Film auf grosser Leinwand zu sehen.

Wann: Di, 19. Februar, 18:15 Uhr und So, 24. Februar, 18:15 Uhr

Wo: Filmpodium Zürich; Nüschelerstrasse 11; Zürich

-->