Mapping Kommunismus


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Ein kollektives Reflektieren von und über die Praxis der AntikultiAteliergruppe
Von Ismael Balsak, John Njuguna, Vanessa Seliner, Nora Landkammer, Felipe Polania, Annatina Caprez, Nistiman Erdede, Yonis Hassan Musse, Julia Huber, Onur Karakoyun


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Im folgenden Text stellt die AntikultiAteliergruppe sich und ihr Schaffen vor. Der Text basiert auf Auszügen aus einem Gespräch der Gruppe. Das Gespräch wurde aufgezeichnet und kollektiv bearbeitet.

 

Antikapitalistische Praxis, aber nicht nur…

Inwiefern zielt unsere kollektive Praxis darauf ab, bestimmte kapitalistische Logiken, wie ungleiche Ressourcenverteilung, Konkurrenz, Wettbewerb und individuelles Erfolgsstreben abzubauen? Wie können wir diesen entgegenwirken?

Für mich ist der Kapitalismus ein wirtschaftliches System mit inneren Kohäsionsmechanismen, das gleichzeitig  mit anderen Dominierungs- und Unterdrückungsstrukturen verbunden ist. Wie können wir also in diesem Zusammenhang mit unserer kollektiven Praxis diese Regeln, Logiken und/oder Strukturen untergraben?

Sicherlich dadurch, dass wir versuchen die vorhandenen und erworbenen  Ressourcen aller Art zu teilen. Wir nutzen kollektiv zuvor privatisierte Verbindungen, kulturelles und soziales Kapital Einzelner durch skill-sharing, wir beschaffen und nutzen gemeinsam Ressourcen. Wir setzen der kapitalistischen Vereinzelungslogik eine kollektive Praxis entgegen. Wir beteiligen uns in selbstverwalteten Räumen, greifen in diesen auch aktiv in die Diskussionen um »unsichtbare« Hierarchien (über die nicht gerne nachgedacht wird) ein und untergraben somit hierarchisch strukturierte Räume.

Der Kapitalismus ist meiner Meinung nach einer von vielen Unterdrückungsmechanismen, die im Zusammenhang miteinander stehen. Im Diskurs von anarchistischen Linken wird oft nur von »Fuck off Kapitalismus« gesprochen…

Ja, als würde die Ökonomie alles determinieren, oder? Ich meine, es ist problematisch, wenn der Anti-Kapitalismus alleine im Vordergrund steht und alle Unterdrückungssysteme im letzten Grund immer auf die ökonomische Ebene zurückgeführt werden und die Verschränkung mit anderen Kategorien der Unterdrückung – wie Geschlecht, Herkunft, »Rasse« etc. –nicht anerkannt wird.

Genau, als wäre das der eigentliche Ursprung des Übels! Aus einer postkolonialen Perspektive könnte man sagen, dass der Kapitalismus eine Konsequenz der europäischen Eroberungslogik war. Sozusagen ein kolonialistisches Projekt, das sowohl den Rassismus, als auch den Kapitalismus erst ermöglicht hat. Deshalb ist es wichtig für unsere Arbeit, dass wir diese verschiedenen Herrschaftsformen miteinander denken. Also zum Beispiel wie rassifizierte Differenzen zum einen mit der kolonialen Geschichte zusammenhängen, aber auch wie sie in aktuellen ökonomischen Strukturen funktionieren.

Ich glaube eine effektive anti-rassistische Perspektive, ist nicht ohne eine anti-kapitalistische Absicht und den Kampf gegen anhaltende patriarchale Strukturen möglich. Die stützen sich ja gegenseitig und bedingen sich.

Während der Arbeit an unserer Fluchtwegkarte[1] wurde mir auch klar, dass Kapitalismus ein Hauptgrund für Flucht ist.

Richtig, keiner der unterdrückten Betroffenen fühlt sich gut in seiner oder ihrer Situation und sucht einen Ausweg, denn ich glaube jeder Mensch hat das Bedürfnis, frei und jedem und jeder gleichgestellt zu sein.

Das ist auch etwas, was wir immer wieder besprechen müssen: Wir sind ja eben eine Gruppe von »ungleich-Gemachten«. Wir nehmen sehr unterschiedliche gesellschaftliche Positionen ein, uns werden ungleiche Zugänge zu Ressourcen ermöglicht und wir finden verschiedene Anerkennungsmöglichkeiten in dieser Gesellschaft. Wenn wir von einem Kollektiv in der Idealform sprechen, indem es keine Ausbeutung gibt, so stehen wir vor einer schwierigen Ausgangslage, weil wir unsere einzelnen gesellschaftlich vermittelten Positionen – Privilegien und Ausschlüsse – immer wieder reflektieren müssen. Ich meine noch etwas anderes, wenn ich das Wort Ausbeutung verwende, ich spreche dabei anderen Formen vom Kapital an: Also auch das kulturelle oder das symbolische Kapital. Ausbeutungsverhältnisse auf der Repräsentationsebene sind ja oftmals ein Teil unserer Diskussionen. Also die Frage: »Wer repräsentiert was, wen und weshalb?«[2] Und in wessen Interesse? Darüber diskutieren wir sowohl, wenn es um die Zusammenarbeit mit Institutionen geht, als auch in der Gruppe selbst – wie gehen wir zum Beispiel mit Einladungen um, unser Projekt irgendwo zu präsentieren?

Es entspricht ja gerade eben der kapitalistischen Logik, das Kapital der Schwächeren und der weniger Anerkannten abzuschöpfen und für sich zu vereinnahmen. Das empfinde ich genau als das Interessante an unserer Arbeit, dass wir versuchen uns in gemeinsamen Punkten zu treffen und diese Konstruktionen abzubauen.

Ich persönlich mache mir keine Sorgen, hier meine Zeit zu investieren und überlege nicht ständig: »Was bringt mir diese Zeit?« Das entspräche genau diesem kapitalistischen System, dieser Verwertungslogik. Was uns zum Kollektiv macht ist, dass wir hier nicht mitmachen, um damit irgendwelche Karriereinteressen zu verfolgen.

Für mich ist weniger die Frage zentral, ob jemand aus den Erfahrungen hier Karriere machen könnte, sondern dass wir grundsätzlich im Interesse der Gruppe arbeiten, und nicht für jemanden anderen. Das Interesse ist ein kollektives, das sich über die gemeinsamen Entscheidungen in der Gruppe definiert. Diese kollektive Autor_innenschaft scheint mir dann auch zentral, wenn wir darüber reden, wie sich unser Projekt gesellschaftlichen Strukturen widersetzt: Denn es ist eine verantwortliche kollektive Autor_innenschaft. Wir arbeiten kollektiv, wollen aber bewusst nicht das Individuum und seine Umstände »anonymisieren« oder die/den Einzelnen der Verantwortung entheben. Wir unterschreiben beispielsweise alle, was wir gemeinsam herstellen.

 

Kritische Reflexion über die Entwicklung der AntikultiAteliergruppe

Zu Beginn dieses Atelier-Projektes gab es eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen den Vermittler_innen / den Pädagog_innen, und den Teilnehmer_innen. Es gab diese Differenz, die wir im Laufe der Zeit aktiv versucht haben abzubauen.

Ich verstehe die Gruppe in einem Prozess, und ich würde daher eher fragen: Wie sind die Erfahrung von vorhergehenden Kämpfen in die Ateliergruppe eingeflossen und weitergetragen worden? Mir ist wichtig zu sagen, dass das Projekt des Ateliers nicht »von draussen« geplant und vereinnahmt wurde, sondern dass es ein Prozess von unten ist, der sich über z.T. langjährige Kontakte entwickelt hat.

Aber das ist/war schon ein relativ langer Prozess. Das war nicht von Anfang an so, denn das Projekt ist als Vermittlungsauftrag, quasi als pädagogisches Projekt entstanden[3]. Das hat sich verändert bis heute, wo ich glaube, sich alle einbringen können in die Planung und den Prozess der Projekte. Das ist nur meine Erfahrung, aber als ich bei der Produktion des Films für die Biennale[4] vorbei kam, da hatte ich das Gefühl, es war sehr viel klarer, wer spricht, wer die Ideen vorgibt, wer quasi das »Motivationstraining« macht, wer immer fragt: »Was denkt ihr? Was wollt ihr?« Ich habe das Gefühl, die Beteiligung oder die kollektive Praxis hat sich schon stark verändert in diesem Prozess. Und darauf aufmerksam zu machen, finde ich wichtig: Dass es viel Zeit braucht, unter Leuten, mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen, in einem Kollektiv ein Vertrauen herzustellen, dass alle das Gefühl haben, sie können sich äussern, und sie können ihre Bedürfnisse, ihre politischen Dringlichkeiten anbringen und sie werden damit ernst genommen, genau gleich ernst.

Ich würde sagen, der Prozess war noch ein bisschen komplexer: Ich kann den Prozess der Entstehung des Ateliers nicht einfach nur aus der Perspektive eines Vermittlungsprojekts sehen. Es war am Anfang eine künstlerische Zusammenarbeit mit einer Gruppe, welche bereits eine Kampf-Erfahrung besass. Eine Gruppe, die sich selber konstituiert hatte, über die Partizipation im Bleiberecht, dem Flüchtlingscafé[5] und der Autonomen Schule[6]. Wir könnten natürlich genauer kritisch analysieren, in welchem Zusammenhang sich Flüchtlinge und Migranten_innen / wir uns da überhaupt beteiligen konnten. Sicher haben die Erfahrung und die Kontakte über diese Zusammenhänge aber die Gründung der Autonomen Schule ermöglicht, an welche die Anfrage des Vermittlungsprojektes gestellt wurde. Diese Anfrage enthielt zunächst nur eine Idee, wir habe sie uns angehört, nachher haben wir in der Gruppe, die es damals gab, über das Projekt diskutiert…

Und es war zentral, dass das Projekt noch nicht vordefiniert war!

Und das passte in das Konzept, das die Autonome Schule damals gehabt hat: das Konzept der Module. Es gab auch die Idee einer Velowerkstatt als Modul, wo Deutsch gelernt und gleichzeitig mit verschiedenen Erfahrungen der Welt eine kollektive Arbeit gemacht werden konnte. Diese Idee hat damals bereits bestanden, als die Vermittlungsanfrage gekommen ist. Am Anfang haben wir das als Kooperation verstanden.

 

Kollektive Praxis und Abbauen von hierarchisierten Differenzen

Meiner Meinung nach machen wir im Kollektiv keinen Unterschied von Farbe oder Herkunft. Nicht wie »draussen«. Im Kollektiv befinden sich sozusagen alle im gleichen Rhythmus. Kollektiv bedeutet für mich, dass wir gemeinsame Ideen und Ziele haben und diese auch gemeinsam verfolgen.

Ich spüre in der Gruppe die Wertschätzung von der eigenen Erfahrungen der Welt. So unterschiedlich wir sind, so kann jede_r ihre / seine Gefühle, Gedanken, Kampf-Erfahrungen und Überlegungen einbringen und wird dabei ernst genommen und gehört, unabhängig von ihrer / seiner gesellschaftlichen Position. Dabei entstehen neue, gemeinsame Erfahrungen und alle Einzelnen verändern sich durch diesen Prozess. Wie siehst du das, gibt es Momente in denen du das Gefühl bekommst etwas nicht sagen zu können?

Etwas wie eine Wand? – Ich fühle mich hier immer frei, etwas einzubringen. Manchmal verstehe ich schon nicht genau, worum sich die Diskussion gerade dreht, aber ich fühle mich im gleichen flow, ich fühle mich als Teil des Kollektivs.

Wir arbeiten gegen hierarchische Mechanismen. Hierarchie als ein unilaterales, einseitiges Verhältnis, wie »Chef – Untergeordnete«, gibt es bei uns nicht. Wir können aber nicht sagen, dass wir alle Hierarchien gelöscht hätten. Zwischen zwei, drei oder mehr Personen entstehen oft Hierarchien, für uns ist es aber ein Prozess zu lernen damit umzugehen und sie zu neutralisieren.

Wir beschäftigen uns insbesondere mit gesellschaftlich vermittelten Stereotypen und Differenzen, die sich auch in unseren Köpfen befinden. Dabei geht es auch darum von Bildern, wie dem »Proto-Flüchtling«, weg zu kommen.

Durch die Ateliergruppe habe ich mein eigenes politisches Engagement neu angeschaut und meine Rolle in der kurdischen Gesellschaft neu zu interpretieren begonnen. Ich kommuniziere nicht nur mit »meinen Leuten« sondern treffe mich hier auch mit »anderen« Menschen, teile Neues mit ihnen und lerne von ihnen. So kann ich über die eigene nationale Identität springen. In der Türkei gab es Diskriminierungen zwischen Nationen, hier in der Schweiz findet sie aufgrund der Hautfarbe statt. In der Türkei war ich Kurde, hier bin ich einfach Ausländer. Durch den gemeinsamen Prozess in der Ateliergruppe haben sich die Gefühle der nationalen Differenzen abgeschwächt.

Kollektiv arbeiten ist nicht einfach. Die ideologische Absicht und das Bekenntnis alleine reichen ja nicht. Es ist eine ständige Herausforderung für alle, oder? ­ Wir haben heftige Diskussionen gehabt und viel Kritik aneinander geübt und lernen darum auch ständig voneinander. Meiner Meinung nach kann es kein reibungsloser Prozess sein. Wichtig finde ich aber auch, dass das Gruppengefühl nicht verloren geht und uns der Spass nicht abhanden kommt, miteinander etwas zu kreieren. Die AntikultiAteliergruppe sehe ich einerseits als Schnittfläche unterschiedlicher politischer Kämpfe und Erfahrungen, wobei wir gemeinsam aktiv werden, andererseits aber auch als eine Möglichkeit Leute zu treffen, die ich einfach wahnsinnig gerne habe. Dabei lernen wir uns als Gruppe immer besser kennen, entwickeln uns weiter und bilden Verbindungen und Vertrauen untereinander.

Die Formen und Anerkennungen von Wissensproduktion sind dabei ein wichtiges Thema für uns: Welches Wissen von wo – in Zusammenhang mit welchen künstlerischen / akademischen Institutionen – erhält welchen Stellenwert? – Wie wird Wissen produziert, transportiert, wertgeschätzt und anerkannt? Wie gehen wir als Gruppe damit um?

Kollektives Sprechen und Handeln ist cool: es gibt verschiedene Wissen oder Wissenstraditionen und diese können hier aufeinander treffen.

 

So, jetzt wir haben fertig.

 

Fussnoten

[1] Die Fluchtwegkarte entstand im Rahmen des Projekts Kartografien des AntikultiAteliers (2011).Die Karte schreibt die Geographie über Fluchtwege nach Zürich und Stationen auf diesen Wegen um.

[2] Siehe hierzu den polyphonen Artikel der AntikultiAteliergruppe: »Flüchtlinge als Stoff für Kunstprojekte«. In: Papierlose Zeitung 4/2012. Online unter: http://www.papierlosezeitung.ch/wp-content/uploads/Papierlose-Zeitung-4-2012.pdf

[3] Das Vermittlungsprojekt »Atelier« entstand aus einer Kooperation zwischen Akteur_innen der Autonomen Schule Zürich (http://www.bildung-fuer-alle.ch/), des Museum für Gestaltung Zürich (http://www.museum-gestaltung.ch/) und des Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste (http://iae.zhdk.ch/) anlässlich der Ausstellung »Global Design« am Museum für Gestaltung. Dazu siehe auch: Landkammer, Nora/Polania, Felipe (2012): «Atelier. Ein Dialog über die Zusammenarbeit». In: Mörsch, Carmen/Settele, Bernadett et al. (Hg.): Kunstvermittlung in Transformation. Perspektiven und Ergebnisse eines Forschungsprojektes. Zürich: Scheidegger & Spiess.

[4] Skype-Konferenz und Videobeitrag »A.S.Y.L.A.N.T.E.N  Grussbotschaft« zum Vortrag „Chewing the Borders, oder Kauen um wach zu bleiben, oder Widerstand im. Widerspruch“ von Rubia Salgado, Chewing the Scenery, 54. Biennale die Venezia, 8.9.2011.

[5] Das Flüchtlingscafé oder Refugees Welcome hat während mehreren Jahren bis 2012 u.a. einen wöchentlichen Mittagstisch für Sans Papiers und abgewiesene Asylsuchende betrieben.

[6] Die Autonome Schule Zürich ist ein selbstverwaltetes Bildungsprojekt, in dem Deutsch- und andere Kurse, Kulturprojekte und Veranstaltungen stattfinden, http://www.bildung-fuer-alle.ch/ .

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