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Wo hätten wir links abbiegen müssen? Manès Sperber quergelesen mit Bini Adamczak
 


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Lesung von Bini Adamczak, Dito Behr und Katharina Morawek
am Dienstag, den 28. Mai 2013
in der SHEDHALLE, Seestrasse 395 – 8038 Zürich

Der Kommunismus hat das „historisch einklagbare Anrecht in die Welt
gezwungen (…), keine Entmündigung hinnehmen, nicht eine einzige
Erniedrigung mehr ertragen zu müssen. Seitdem ist noch das kleinste
Unrecht größer und das größte schmerzt um ein Vielfaches mehr“. So
schreibt Bini Adamczak in ihrem Buch „gestern morgen – über die
einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der
zukunft“. „Gestern Morgen“ bürstet die Geschichte der russischen
Revolution gegen den Strich; ausgehend vom stalinschen Terror wird der
Frage nachgegangen, wie es im Verlauf nach 1917
kommen konnte, dass vom
Aufbruch hin zu einer universellen Emanzipation, mit dem viele in die
Revolution gegangen waren, kaum etwas übrig blieb. In seiner
Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ lässt Manès Sperber den
Revolutionär Herbert Sönnecke, einen der wichtigsten Protagonisten
seines Romans, folgenden Satz sagen: „Einer von den Überlebenden wird
sich an die Arbeit machen müssen, um genau herauszufinden, wann diese
Entwicklung begonnen hat“. Zu diesem Zeitpunkt steht Sönnecke, Kommunist
seit den Ruhrkämpfen 1920, in Moskau als Angeklagter der Schauprozesse
vor Gericht. Einen Tag später wird er ermordet.

Bei der Lesung greifen wir diesen Faden auf und wollen den Versuch
unternehmen, in einer gemeinsamen Debatte der erinnerungspolitischen
Arbeit nachzugehen, zu der Manès Sperber uns ermahnt und auf die sich
Bini Adamczak in „gestern morgen“ bezieht. Die Lesung ist gleichzeitig
auch eine Hommage an Manès Sperber. Hier in Zürich verbrachte der
Schriftsteller von 1942 bis 1945 drei widersprüchliche aber gleichzeitig
entscheidende Jahre seines Exils. Hier entstanden die
Fundamente seiner grossen Romantrilogie ”Wie eine Träne im Ozean”. Mit
dem Titel der Lesung „Wo hätten wir links abbiegen müssen“ wollen wir
nicht über richtige und falsche revolutionäre Linien streiten; zudem
entwickeln wir weder ein Parteiprogramm noch sind wir Teil einer Gruppe
mit offen artikuliertem oder unausgesprochenem Avantgarde-Anspruch. Wir
stellen uns allerdings auch nicht außerhalb der Geschichte – unser
Interesse gilt den gesellschaftlichen Bedingungen für revolutionäre
Politik gestern, heute und morgen.

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